Tolstoi Romanfiguren

Herr Tolstoi, wie schreibe ich glaubwürdige Romanfiguren?

Wirkt Deine Romanfigur zu eindimensional? Da gibt’s doch auch etwas von Tolstoi… Heute habe ich einen knackigen Tipp für glaubwürdige Figurenbeschreibungen, vor allem für ihre Gefühlswelt! Die Inspiration stammt aus der russischen Literatur.

Glaubwürdige Figuren durch mehrdimensionale Charakterisierung

In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, wie der Name Deines Protagonisten zu seiner Glaubwürdigkeit beiträgt. Auch der Handlungsbogen, den Du Deinen Figuren zuweist, spielt eine zentrale Rolle. Wenn all das in Position ist, wirst Du der Torte die Kirsche aufpflanzen, indem Du Deinen Figuren ein mehrdimensionales Innenleben gibst.

Inspiration: Tolstois Anna Karenina

Wie das geht, möchte ich Dir heute zeigen. Auf die Idee brachte mich Tolstois Anna Karenina. Daher stammt auch das erste Beispiel; alle weiteren werde ich der Anschaulichkeit halber selbst verfassen.

Beschreibung der Gefühlswelt in Romanen und Dramen

Ganz gleich, worüber Du schreibst: Das Innenleben und die Gefühlswelt Deiner Figuren wird in fast allen Fällen einen Großteil Deiner Erzählung ausmachen. Die einzige Ausnahme stellen hier die Dramen. Dort schwingt die Gefühlswelt natürlich im Subtext mit und wird selten so deutlich beschrieben wie vom Roman-Erzähler. Auch darauf komme ich am Ende des Beitrags zu sprechen.

Wie immer lernen wir von den Großen. Selbst, wenn Du Tolstois Werke nicht kennst, muss ich ihn wohl nicht lange vorstellen. Es tut auch nichts zur Sache, worüber er schreibt. Seine Methodik lässt sich ganz leicht auf jedes Thema und Genre übertragen. Was genau tut Tolstoi also, um seinen Figuren eine komplexe Gefühlswelt zu verleihen, die sie so glaubwürdig macht?

„Sie lachte amüsiert und heiter“? – So simpel dann doch nicht.

Aber dennoch ganz einfach. Tolstoi beschreibt selten nur ein Gefühl oder Verhalten seiner Romanfiguren. Damit meine ich nicht, dass er seine Figuren als „traurig und betrübt“ beschreibt. Tautologien und Pleonasmen sind ein anderes Thema, das hier nicht hingehört.

Vielmehr koppelt er das erste Gefühl an die unfreiwillige oder unbewusste Reaktion der Figur auf das Gefühl selbst. Natürlich tut er das nicht in jedem Einzelfall, das wäre genauso schlechter Stil wie ein ganzer Text aus Hyperbeln.

Innen- & Außenleben Deiner Romanfiguren

Manchmal schildert er auch die Diskrepanz zwischen…

    • …Innen und Außen
    • …privatem Empfinden und gesellschaftlicher Erwartungshaltung
  • …der von Figuren vermuteten Erwartungshaltung gegenüber ihren privaten Bedürfnissen.

Bei Anna Karenina heißt es nicht einfach „Er mochte ihn“, sondern…

„Er war froh, dass er ihm gegenüber keine Abneigung empfand“.

Das gibt seinen Figuren nicht nur Tiefe; es verleiht ihrer Gefühlswelt eine zeitliche Dimension.

    • Hat die Figur vorher in Erwägung gezogen, dass sie Abneigung empfinden könnte?
    • Hat sie es in früheren, vergleichbaren Situationen schon getan?
  • War eine Begegnung vorher im Roman Thema? Kann so die Befürchtung aufkommen, Abneigung zu empfinden?

Auf die Weise gibt Tolstoi seiner Figur im Kleinen eine Vergangenheit und Zukunft, ohne sie jedes Mal behandeln zu müssen. Und eine Figur, die eine Vorgeschichte hat, kann nicht vollkommen flach sein.

Gleichzeitig gibt der gute Lew seinen Figuren damit mehrere Dimensionen: Sie haben nicht nur ihr ausführlich behandeltes Innenleben, das äußeren Handlungen gegenübersteht.

Ich veranschauliche das an einem fingierten Beispiel.

Zu sagen,

„Er empfand Ekel, während er die Sau schlachtete“

enthält zwar zwei Dimensionen; jedoch überlässt Du so Deinem Leser, die Reaktion auf die Handlung selbst zu beschreiben.

Ob Du das wünscht, hängt davon ab, auf welchen Effekt Du abzielst:

Soll Dein Leser nachempfinden und an der Interpretation beteiligt sein?

Oder möchtest Du selbst die Innenwelt Deiner Figur so lebensecht und detailgetreu wie möglich beschreiben?

Keins von beiden ist falsch oder besser. Du solltest aber wissen, warum Du Dich für die erste oder die zweite Option entscheidest.

Ganz anders wäre es in diesem fingierten Beispiel:

„Trotz seiner Vorfreude auf den Braten konnte er sich nicht überwinden, dem barbarischen Akt des Schlachtens nur das geringste Vergnügen abzugewinnen. Dabei gab er sich weiß Gott die allergrößte Mühe.“

Hier ganz anders: Die Figur freut sich auf ein Endresultat, will auch dem Prozess etwas abgewinnen, seine unfreiwillig-instinktive Reaktion steht dem jedoch entgegen.

Instinkt und Vernunft, Bewusstsein und Unterbewusstsein laufen in verschiedene Richtungen und machen die Figur interessanter. Und das ganz ohne vom Erzähler gesprochene Charakterisierung. Wie schulmeisterhaft wirkt es, wenn wir lesen müssen, welche Eigenschaften wir deshalb der Figur zuzuschreiben haben?

Nimmst Du dann die Reaktionen weiterer Figuren – oder im Roman Erzähler-Kommentare – hinzu, multipliziert sich das Geflecht ins Endlose.

„Sie sah ihm an, dass er sich trotz seiner Vorfreude auf den Braten nicht überwinden konnte, dem barbarischen Akt des Schlachtens nur das geringste Vergnügen abzugewinnen, so sehr er sich auch darum bemühte. Doch ein kurzes Funkeln in seinem linken Auge, genau in dem Moment, als er die Vene durchschnitt, sagte ihr, dass er ebenso unfreiwillig wie unbewusst Lust empfand. Nicht an der Aussicht auf einen Braten, sondern…“

In diesem Beispiel erkennt die beobachtende Figur den Widerspruch zwischen äußerer Handlung und innerer Haltung. Sie könnte beide auch fehldeuten und zu einem dritten Schluss kommen, der weitere Informationen einbringt. Vielleicht hält die zweite Figur den Ekel der ersten für Lustlosigkeit oder den Widerwillen, ihr zuliebe etwas zu tun.

Je nachdem, mit welcher Art von Erzähler Du arbeitest, könnte dieser sich auch zum Schlachten äußern. Dein Erzähler könnte militanter Veganer sein und kurz seine Meinung einfließen lassen. Wenn sich die Szene vor dem Hintergrund einer Hungersnot abspielt, könntest Du so das Verständnis des sonst angriffslustigen Erzählers zum Ausdruck bringen.

Wenn Du ein Drama schreibst, fallen Gefühlsbeschreibungen selten in den tatsächlich vorgeführten Text. Ich rate Dir, Dich selbst in den Regieanweisungen mit ihnen zurückhalten. Die wenigsten Schauspieler wissen es zu schätzen, wenn sie permanent ein „Er (betroffen)“ oder „Sie (jetzt heiter)“ darauf hinweist, wie sie ihren Job zu tun haben.

Trotzdem kannst Du Tolstois Gestaltungsweise auch hier einbringen: Im Theater lässt sich diese Methode für die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichen Eigenschaften einer Figur einsetzen.

Auch Robert McKee weist darauf hin, dass Figuren bewusste und unbewusste Bedürfnisse besitzen, die einander gerne widersprechen dürfen. Das, was also oben Teil des Erzählerkommentars ist, musst Du in Bilder und Handlungen und Redeteile übertragen. Die Vorfreude wird vielleicht zum desillusionierten Gebrabbel:

„Braten!… Braten!… Braten mit Senfsoße! Und, und… Pellkartoffeln mit einem Hauch Leinöl! Wie wir sie zuletzt im Mai hatten!“

Den Widerwillen, das Schwein dennoch zu schlachten, überträgst Du – oder der Schauspieler – in ein Naserümpfen, Brechreiz oder die Intonation.

Kombiniere es mit dem genusshaften Wahnsinn und der Schauspieler wechselt zwischen dem Beschnuppern des Schweins, als sei er ein Sommelier der Schweinehälften, und dem immer wiederkehrenden Schaudern, Abwenden oder Ausrufen.

Nicht jede dieser Informationen gehört in Deine Regieanweisungen. Tatsächlich sind die wenigsten dort überhaupt notwendig. Es ist aber wichtig, dass Du Dir die Szene bildhaft vorstellst, damit Dein Text glaubwürdig wird.

Jetzt bist Du an der Reihe!

Ganz gleich, ob in einem Text, an dem Du gerade arbeitest oder als kleine Übung am Rande:

Beschreibe eine Figur, deren Motivation und Gefühlswelt zweigeteilt ist. Verteile die Emotionen auf zwei Ebenen: Innen und Außen, privat versus Gesellschaft, Schizophrenie, ganz egal. Ob Roman, Gedicht oder Drama spielt keine Rolle.

Variiere nun mit den Äußerungen weiterer Figuren und Erzählerkommentare, um zu sehen, wie sich die Aussage und Wirkung Deines Textes verändert.

Teile Deine Ergebnisse. Have fun!

Wir lesen uns!

Tolstois glaubwürdige Romanfiguren
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