Die Konstruktion einer fiktiven Welt mit glaubwürdigen Motiven gehört zum erfolgreichen Roman wie der Motor zum Auto. Sie müssen nicht aufwendig sein, allerdings fährst Du ohne besser Seifenkistenrennen. Dabei stehen Dir als Bestandteile Deiner Welt die verrücktesten Motive zur Auswahl. Von feuerspeienden Drachen über Androiden mit Ödipus-Komplex bis hin zu Dunstwolken, die die Menschheit in den Selbstmord treiben, ist alles dabei.

Die Frage ist: Wann werden die Annahmen, auf denen Deine Handlung aufbaut, zu überzogen? Wann lenken sie sogar von der Handlung ab und treiben Deine Leser in den Wahnsinn?

Darum wollen wir uns heute kümmern.

Hinweis: Falls Du nicht zu den Romanciers der Welt gehörst, keine Sorge. Im nächsten Beitrag werden wir uns dem selben Thema, dem “Seltsamen”, auch aus Sicht des Marketings widmen. Aber zurück zum Thema…

Wie verrückt ist zu verrückt, Dr. Jekyll?

Nun ja… Das Tolle an fiktiven Welten ist gerade, dass wir als Autoren unserer Fantasie freien Lauf lassen können. Verrückter geht’s immer.

Wie sähe die Welt aus, wenn der Wert unserer Währungen nicht auf Gold, sondern auf Wasserreserven basieren würde?

Könnte das Internet existieren, wenn das Römische Reich fortbestanden hätte?

Das sind nette, kleine Hypothesen, die Du auf verschiedenen Ebenen in Deiner Handlung durchspielen kannst. Jeder gute Roman, jeder Film, den Du liebst und bewunderst, hat solche Prämissen.

Matrix basiert auf der Prämisse, dass die Maschinen eine virtuelle Welt geschaffen haben, um unsere Körper als Ressourcen ausbeuten zu können.

Viele Autoren-Podcasts gehen darauf ein, wie skurril und seltsam Deine Prämissen sein dürfen bzw. inwieweit die Wahl des Genres Deine späteren Gestaltungsmöglichkeiten beeinflusst.

Podcasts zum Thema Motivwahl und Genre

Im Podcast Story Grid diskutieren Join Shawn Coyne und Tim Grahl, dass Die Wahl des Genres am Anfang Deiner Story stehen sollte, nie am Ende. Warum? Ganz einfach. Deine Figur muss zum Genre passen und umgekehrt. Ein Action-Held hat nichts in einer romantischen Komödie verloren (jedenfalls nur in Ausnahmefällen). Mehr dazu weiter unten.

Dagegen betrachtet das Team von Writing Excuses das Skurrile und Seltsame übergreifend, vor allem aber mit Blick auf die Motive selbst. Versuchen wir mal, beide Ansätze miteinander zu kombinieren.

Skurrile Motive in der Handlung: Ein Schuss frei

Mich überzeugt bis heute eine Regel für skurrile, fremde und seltsame Elemente in Romanen und Geschichten allgemein (sofern man hier von Regeln sprechen will):

Die erste Prämisse, die Du Deinen Lesern oder Zuschauern abverlangst, ist frei.

Soll heißen, Du kannst in Deinem Roman eine Welt beschreiben, die von um sich peitschenden Bäumen beherrscht wird. Grundsätzlich ist das kein Problem. Allerdings sollten die nachfolgenden Prämissen und Regeln dieser ersten folgen.

Wenn Du also im Anschluss an die botanischen Weltherrscher zusätzlich Affenmenschen, Magier und eine künstliche Intelligenz einfügst, um dann über die Wall Street zu philosophieren, machst Du es Deinem Leser schwerer und schwerer, Deiner Geschichte Glauben zu schenken.

Denk daran: Die Erwartungshaltung Deiner Leser ist geprägt durch die Gattungen, die sie kennen und lieben gelernt haben. Beschreibst Du einen feuerspeienden Drachen, werden die meisten Leser Fantasy oder im extremsten Fall einen historischen Roman erwarten.

Wenn der Drache nun nach Afrika auswandert und eine Farm gründet, brichst Du zu viele Regeln auf einmal. Ich weiß, dass Beispiel ist extrem. So ist es aber leichter zu verstehen.

Gerade habe ich die ersten Story-Coachings mit Patrick Pissang hinter mir, dessen Romane tief in eine Fantasy-Welt abtauchen. Eine Frage kehrte im Laufe des Coachings immer wieder:

Inwiefern sollten Gegenstände oder Orte dieselben Eigenschaften besitzen wie in der mittelalterlichen Welt, auf der Patricks Fantasy-Welt in weiten Teilen beruht?

Sollte eine Hellebarde oder ein Bidenhänder funktionieren wie im Mittelalter oder in der Renaissance? Sollte eine Stadt in der Fantasy-Welt über eine Kanalisation verfügen? Was stellt eine Abweichung von der historischen Welt dar? Was geht noch als künstlerische Freiheit durch?

Für Patrick kann ich nicht vorweggreifen. Wer also wissen will, wie diese Fragen in seiner Welt beantwortet werden, muss wohl abwarten, bis sein Roman Kerberos raus ist.

Es gibt keine magische Lösung

Um aber allgemein zu sprechen: Natürlich sind diese Fragen nicht pauschal zu beantworten, sondern vom Einzelfall, von Deinem Bauchgefühl und von den Anforderungen Deines Plots abhängig. Sei Dir aber bewusst, dass zu viele Eigentümlichkeiten auch Deine Leser irritieren werden. Und wenn Du die Story nicht für Deine Leser schreibst, führst Du am Ende nur Tagebuch in einer fiktiven Welt.

Wie kannst Du nun solche Schwächen aus Deinem Plot beseitigen? Der erste Schritt wäre, dass Du ganz klar die Annahmen und Regeln Deiner Welt für Dich selbst ausformulierst. Achtung! Das bedeutet nicht, dass Du sie innerhalb der Handlung in ein Schulreferat einbauen sollst. Nichts nervt mehr, als wenn ein Erzähler über 20 Seiten darüber referiert, warum die Romanwelt so ist wie sie ist.

Hast Du aber einmal die erste Regel für Dich ausführlich beschrieben, fällt es Dir leichter, davon abgeleitete Regeln zu erkennen.

In einem Kosmos voller Magier, Elfen, Zwerge und Orks, wie wir sie beim Herrn der Ringe vorfinden, sind zauberhafte Gegenstände kein Problem. Als Leser folgen wir schon der Grundannahme, dass es einen Ring gibt, der alles und jeden beherrschen kann. Selbst wenn Gandalf eine Zeitreise antreten würde, wäre das vielleicht sogar akzeptabel – gesetzt, er täte das mit magischen Mitteln. Würde er sich eine Zeitmaschine bauen und Frodo die physikalischen Grundlagen seiner Zeitkapsel erläutern, hätten wir die Verfilmung wohl nicht erlebt.

Du verstehst den Grundsatz. Die erste Regel kann so skurril, realitätsfern und verrückt sein wie Du nur magst. Hauptsache, Du kannst die weiteren Abweichungen von der uns bekannten Welt damit in Einklang bringen. Wenn die Hälfte Deines Romans aus Definitionen und Erklärungen besteht, enthält er wahrscheinlich zu viele seltsame Elemente auf einmal.

In dem Fall rate ich Dir dazu, die Fremdelemente logisch miteinander in Verbindung zu setzen oder Dich für eins zu entscheiden.

Zweite Möglichkeit: Der Protagonist beobachtet die Regeln

Ein weiterer Lösungsweg, den Du für Dein Skurrilitäten-Kabinett gebrauchen kannst, ist ein beobachtender Protagonist oder Erzähler (je nach gewählter Perspektive).

Beispiele hierfür kennst Du sicherlich zur Genüge. Im Friedhof in Prag beispielsweise lässt Umberto Eco seine Figur über Kapitel hinweg Vermutungen darüber anstellen, ob sie ein zweites, verdecktes Leben führt und unter Amnesie leidet, ob sie unter einer gespaltenen Persönlichkeit leidet oder ob andere Figuren im Spiel sind. Im Laufe der Handlung treten die Figuren über Tagebucheinträge miteinander in Kontakt. Auf die Art streben sie Vermutungen über die Regeln der Handlung an.

Die Story von Per Anhalter durch die Galaxis basiert nur darauf, dass ein Außenstehender die verrückten Bestandteile des Weltalls an der normalen Welt bemisst.

Nach welchen Regeln Dein Protagonist oder Erzähler denkt und wie viel er oder sie von den Seltsamkeiten weiß, sollte also von Anfang an Teil Deiner Überlegungen zum Plot sein.

Der allwissende Erzähler, der nachvollziehen kann, warum die Vampire in Deiner Welt mit Textmarkern zu besiegen sind, ist natürlich die einfachste Lösung.

Schwieriger wird es, wenn Dein Protagonist gerade noch versucht nachzuvollziehen, warum die Welt tickt, wie sie tickt. In diesen Fällen eignen sich Begegnungen mit anderen Figuren, die schon Einblick in die Regeln der Welt haben. Ähnliche Zwecke erfüllt eine Begleitfigur, wie wir sie schon aus Höllen- und Jenseitsreisen seit Vergil und Dante kennen.

Auch in dieser Konstellation sollte aber nicht Dein halber Text aus erklärenden Passagen in der wörtlichen Rede bestehen. Schließlich schreibst Du keinen Traktat über die wissenschaftlichen Grundlagen der Existenz von Drachen. Oder doch? In dem Fall musst Du mir unbedingt schreiben!

Die Kunst besteht darin, durch Deinen Erzähler, Protagonisten oder andere Figuren gerade genug Informationen preiszugeben, damit Deine Handlung nicht selbst zu skurril wird. Und damit damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt.

Skurrile Motive? – Ja. Aber sei sparsam mit Definitionen!

Natürlich solltest Du Deinen Leser nicht ohne jede Hilfestellung auf die Skurrilitäten Deines Plots loslassen. Schließlich soll das Ganze am Ende Sinn ergeben. Idealerweise haben Deine Leser dann sogar Spaß daran, die Regeln Deiner Welt zu erforschen – denk nur an all die Fan-Foren im Netz!

Damit es so weit kommt, musst Du zuerst der Versuchung des Lexikografen widerstehen. Leite nicht alles und nichts in langatmigen Definitionen her! Dein Erzähler heißt weder Sheldon Cooper noch Siri. Hüte Dich also, dieser Versuchung nachzugeben!

Denk an Deine liebsten Szenen aus Film und Literatur. Wenn Yoda Luke Skywalker trainiert, wenn Hermine und Harry Potter über die Wahl des richtigen Zauberspruchs nachdenken, um einen Gegner zu besiegen…

Dann fragen wir uns nicht in jeder einzelnen Szene, warum es so ist oder wie es sein kann, dass kein Erzähler uns erklärt, was gerade vor sich geht. Wir erwarten keinen Kommentar-Track, der die Handlung an die Regeln unserer Realität anpasst.

Selbst wenn Dein Roman die wildesten magischen oder technologischen Spekulationen anstrebt, sollten die Erklärungen immer an die Handlung gebunden sein. Sagen wir, Deine Großmeister-Figur erklärt dem noch unwissenden Protagonisten, wie er seine Fähigkeiten in Zukunft gegen den Bösewicht einsetzt. Dann sollte er das mit Blick auf einen bevorstehenden Konflikt, auf die Entwicklung des Protagonisten oder auf eine vorangegangene Problemstellung tun.

Vielleicht hat der Bösewicht den unwissenden Protagonisten aus seiner unschuldigen Jugend herausgerissen und er war noch nicht vorbereitet; oder der Bösewicht droht, die Menschheit zu vernichten. Ganz egal! Wichtig ist, dass Deinem Protagonisten nicht nur erklärt wird, was zu tun ist und wie es funktioniert, sondern dass das Verständnis des Kuriosums zur Entwicklung des Plots beiträgt.

Nur in Wörterbuch-Manier herunterzurasseln, dass es einen Schutzzauber gibt, ist vielleicht anfänglich auf Harry Potters Schulbank noch akzeptabel. Allerdings verlangt die Handlung, dass er dieses Wissen einsetzt, um mindestens eine Person zu schützen oder daran zu scheitern. Vielleicht hat er ja nicht richtig gebüffelt…

Beobachte Dein eigenes Genre: Wie skurril schreiben die anderen?

Ich weiß, jetzt wird es wieder eine ganze Reihe Stimmen geben, die sich gegen den Begriff des Genres wehren wollen, weil ihre eigene Idee so verrückt und einzigartig ist, dass sie sich keiner Kategorie unterwerfen können. – Mein Meisterwerk ist mit weltlichen Begriffen gar nicht zu fassen, das war noch nie da!

Aber Genre ist nicht nur die Marketing-Entscheidung, die Du zu treffen hast, wenn Du Dein Buch auf Amazon einer Kategorie zuweist. Das Genre verlangt bestimmte Figurentypen, Handlungsstränge, Fähigkeiten und Settings.

Wer Stirb langsam guckt, erwartet nicht, dass Bruce Willis in der letzten Kampfszene einen Zauberstab aus der stonewashed Jeans herauszieht. Genauso eignet sich der sarkastische Misanthrop vielleicht für Deinen Kommissar, aber nicht für den psychopatischen Massenmörder. Selbst Misanthropen sind dafür zu sympathisch.

Natürlich ist es okay, bestehende Genres miteinander zu kombinieren und so etwas Neues zu schaffen. John Grishams ganze Karriere beruht darauf, bekannte Genres mit juristischen Elementen verwoben zu haben.

Das setzt allerdings voraus, dass auch Du Dir dieser Wahl bewusst bist und die Vorgaben anderer Autoren nicht einfach verwirfst. Niemand erwartet von Dir, dass Deine Welt zu 100 % neu und fremd ist. Im Gegenteil, kein Leser würde sich in einer solchen Welt zurechtfinden.

Leg also für Dich fest, welche fremden Elemente Du zulassen willst und wo Du die Grenze ziehst. Frage Dich bei jedem neuen Motiv, ob es in dieser Gattung schon einmal vorkam, ob es Deiner Handlung dient und ob es einer beschreibenden Passage bedarf, damit Deine Leser folgen können.

Ich hoffe, der Beitrag hilft Dir weiter und war nicht zu skurril! Enthält Dein Plot verrückte Elemente, an denen Du noch zweifelst? Wirbeln Zauberer, Roboter oder ganz neue Mischwesen durch Deine Geschichte? Wie hast Du für Dich begründet, dass sie in den Plot gehören? Schick mir eine E-Mail oder lass es mich auf Twitter wissen. Ich bin gespannt, wie Du an das Problem herangehst.

Und wenn Du nach diesem Beitrag noch Fragen zu diesem Problem hast oder gerade mit einem solchen Motiv haderst, meld Dich gerne bei mir. In einer Coaching-Sitzung rücken wir Deinen Motiven auf die Pelle, bis sie zur Story passen!

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