Zweifellos arbeitest Du hart, Du schreibst, malst oder designst stundenlang, jeden Tag, der dir zur Verfügung steht. Und verständlicherweise meinst Du deshalb, dass andere deine Kunst wertschätzen sollten. Aber es tut mir leid, Du liegst falsch. Du „verdienst“ keine Leser.

Du magst gut sein, aber Du verdienst rein gar nichts.

Deine Wahrnehmung gegen die Realität (deiner Leser)

Falls die Einleitung deine innersten Gefühle korrekt wiedergibt, bist Du nicht allein.

Es scheint fast, als wären wir so vertraut mit dem verherrlichten Ideal des hungernden, leidenden Künstlers, dass wir es gar nicht mehr in Frage stellen – mit Ausnahme von Jeff Goins vielleicht.

Was dir aber fehlt, ist eine realistische Perspektive, junger Padawan.

Erstens: Du bist wahrscheinlich nicht so gut wie Du glaubst. Keine Sorge, ich bin es auch nicht.

Das bedeutet nicht, dass Du dazu verdammt bist, nie irgendeinen Gewinn aus deinem kreativen Schaffen zu ziehen oder dass Du damit kein Geld verdienen kannst. Im Gegenteil. Wenn Du Jeff Goins‘ Buch liest, wirst Du einiges über die wirtschaftliche Seite des Künstlerdaseins oder Autorenlebens lernen.

Wenn Du nicht „so gut“ bist, bedeutet das nur, dass es für dich schwerer sein wird, Zuschauer oder Leser zu gewinnen, die deine Kunst objektiv beurteilen können.

Wir können immer über Geschmack und Stil diskutieren. Folg nicht der Fehlannahme, dass jeder dein Meisterwerk mögen muss, weil Du oder deine Mutter das tun. Das ist einfach egozentrisch. Und was deine Mutter angeht… Sie muss es irgendwie mögen, oder nicht? Das ist ihr Job.

Zweitens: Es gibt zu viel und zu wenig Kunst.

Die Zeiten, in denen Du einen Roman veröffentlichen und damit rechnen konntest, dass Horden schreiender Leser ihn von den Regalen reißen, sind lange vorbei – das heißt, wenn es überhaupt jemals so war.

Wir leben in der Ära der Nische, lern damit zu leben.

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Ob Du Romanautor, Dramatiker oder Blogger bist – das Internet, Selfpublishing und Social Media erlauben mehr und mehr kreativen Köpfen, ihrer Stimme gehör zu verschaffen.

Ich sehe das als etwas Positives. Ich glaube, es kann nie genügend einzigartige Perspektiven auf ein Thema geben.

Wenn Du aber im Mindset der Knappheit gefangen bist, wenn Du andere Künstler als Konkurrenz siehst anstatt als Gelegenheiten für Kooperationen, dann baust Du dir deine eigene kleine Welt der Isolation und des Elends auf.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video von Neil Patel gesehen, in dem er erklärt, dass es je einen Blog für sieben Menschen auf dem Planeten gibt.

Lass das für einen Moment sacken.

Es gibt vergleichbare Statistiken für Romane oder Drehbücher, insofern hängen deine Zahlen nur vom Markt ab, den Du beobachtest. Die Aussage bleibt aber mehr oder weniger die gleiche.

Auf dem englischsprachigen Markt verfolgt man u. a. den jährlichen Bowker-Bericht, der besagt, dass wir letztes Jahr schon mehr als eine Million Bücher im Selfpublishing-Bereich überschritten haben. Eine Million. Da draußen findest Du zahllose weitere Statistiken zu jedem erdenklichen Markt – englisch- oder deutschsprachig, E-Book oder Hörbuch.

Laut Statista ist der Anteil von E-Books am deutschsprachigen Buchmarkt in den letzten acht Jahren von 0,5 auf etwa sechs Prozent gestiegen. Die Zahl der Käufer blieb dabei zwar konstant, allerdings stiegen die Buchkäufe pro Käufer von 6,4 auf 9,2.

Leider findet man viele widersprüchliche Zahlen und Angaben auf diesem Feld, deshalb belasse ich es hier bei diesen wenigen (ohnehin wackligen) Zahlen, um dir ein bisschen Mut zu machen.

Von Mathe bekomme ich schon immer Migräne. Wenn Du also genauere Zahlen oder Hinweise hast, korrigier mich gerne. Um dir aber noch eine Vorstellung davon zu geben, von welchen Mengen wir hier sprechen (Prozente klingen gerne mal so schön abstrakt und mickrig), hier noch eine letzte Statistik.

Der Absatz von E-Books lag 2018 bei knapp unter 33 Millionen Stück. Um das in die rechte Perspektive zu rücken: 2017 wurden auf dem deutschen Markt im Ganzen etwa 367 Millionen Titel abgesetzt.

Stellen wir das mal gegen die 9 Millionen Personen in der deutschsprachigen Bevölkerung, die 2019 angaben, täglich zu lesen. Dabei haben wir Bücherverleih, bevorzugtes Format und andere Faktoren noch gar nicht bedacht.

Leider konnte ich keine Statistiken dazu finden, wie viele Bücher diese Leser denn im Jahr tatsächlich lesen. Allerdings sollte dir klar sein, dass selbst ein Vielleser nur 24 Stunden am Tag hat.

Selbst der fleißigsten Leseratte stehen also mittlerweile pro Tag mehr als eine Million neue Titel zur Verfügung – und da sprechen wir nur vom deutschen Print-Markt!

Lass es auch deine Autorenkollegen auf Twitter wissen.

Ab hier ist eigentlich mehr oder weniger egal, dass nicht jeder Leser ein Buch in der Woche lesen wird. Auch auf Hörbücher und E-Books haben wir dann noch komplett verzichtet.

Aber warum schmeiß ich dir all die Zahlen an den Kopf? Damit wir jetzt über die Konsequenzen reden können.

Deine Leser sind nicht mehr nur deine Leser. Naja, eigentlich waren sie’s noch nie. Aber Du musst sie mit mehr und mehr Autoren und kreativen Köpfen teilen.

Warum spreche ich von Künstlern und Kreativen anstatt nur von Autoren?

Weil wir nicht mehr annehmen können, dass unser Publikum den lieben langen Tag nur liest. Selbst wenn es das in Teilen tut, dränge die Vorstellung deinen Lesern nicht auf.

Als Autoren konkurrieren wir mit dem Radio, Fernsehen, Podcasts, Streaming-Diensten wie Netflix, Kinos und einer ganzen Litanei von Freizeitangeboten wie Theatern oder Freizeitparks. Wir können nicht so tun, als schrieben wir das Jahr 1780, als die Familie bei Sonnenuntergang eine Schauergeschichte bei Lagerfeuer genießen konnte.

Wenn ein Leser dein Buch kauft, liest und vielleicht sogar bewertet, hat er oder sie dir schon unfassbar großen Respekt gezollt. Begreifst Du, wieviel Zeit diese Menschen in das Lesen deiner Geschichte investieren, in der sie mit der Familie „was Spaßiges“ hätten unternehmen können?

Sei nicht so arrogant zu glauben, dass sie bei der Stange geblieben sind, weil Du als Person so berauschend bist. Sie mögen deine Story und sie wollen unterhalten werden oder zumindest etwas lernen. Das ist auch nicht neu.

Prodesse et delectare. – Schon mal gehört?

Bist Du ein guter Geschichtenerzähler? Gut. Wenn Du es baust, werden sie kommen. Wir können nicht anders, jeder Mensch wird von einer guten Geschichte wie magisch angezogen. Manchmal selbst dann, wenn die Moral oder der Inhalt nicht unser Bier ist.

Wenn Du aber den Eindruck hast, dass Du ein Publikum verdienst, und wenn Du dann verbittert wirst, wenn niemand auftaucht, dann wirst Du wahrscheinlich nie ein gesundes Verhältnis zu deinen Lesern aufbauen.

Übe dich in Dankbarkeit

Klingt arg pathetisch, ich weiß. Aber egal, wie viele Besucher, Zuhörer oder Leser Du hast, sei dankbar und zeig, dass Du sie wertschätzt.

Selbst Ernest Hemingway, den wir alle auf und ab zitieren, hat regelmäßig Leserbriefe beantwortet. Denk mal darüber nach.

Dein Leser hat die Zeit aus seinem hektischen Alltag herausgeschält, um dir ein Stück weit auf deinem Weg zu folgen. Aus Millionen und Abermillionen von Romanen, Comics, Filmen, Online-Spielen und Kurzgeschichten haben sie deine ausgewählt, um mit deinen Gedanken Zeit zu verbringen.

Und vielleicht hat’s ihnen nicht gefallen. Das ist nicht ihre Schuld. Vielleicht hast Du im Marketing nicht klar genug kommuniziert, was sie erwarten sollten. Vielleicht braucht deine Story auch noch etwas Feinschliff.

Ich sage nicht, dass Du dich unter allen Umständen dem Feedback deiner Leser beugen oder dem Mantra folgen solltest, dass der Leser immer recht hat. Denk aber über den Kontext nach.

Stell dir vor, dein Leser kommt nach einem langen, harten Arbeitstag nach Hause. Er lässt sich in den gemütlichen Wohnzimmersessel fallen und greift zu einem guten, alten Vampirroman. Jedenfalls glaubt er das, weil dein Cover Vampire zeigt; aber Du beschreibst etwas anderes. Deine Vampire saugen kein Blut mehr, sondern absorbieren telepathisch den Lebenswillen der Menschen.

Wenn dein Leser jetzt Dracula oder Edward erwartet und wenn Du das vorbringst, mag es sein, dass Du eine einzigartige, neue Geschichte erzählst. Problem: Dein Leser fühlt sich zurecht getäuscht (und enttäuscht). Deine Motive sind zu weit weg von seiner Erwartungshaltung.

Das kann viele Gründe haben.

Deshalb danke immer deinen Lesern und Kritikern für ihr Feedback. Sie könnten morgen deine größten Fans werden. Und wenn wir schon dabei sind, dank auch deinen Lektoren, die haben’s auch nicht leicht.

Denn wenn Du deiner Fanpost keine Wertschätzung entgegenbringst, denk immer daran: Auf jeden Leser wartet nur der nächste Autor, der vor Enthusiasmus glüht und sie vom Hocker reißt.

Wo wir gerade davon reden: Danke, dass Du bis hierhin bei der Stange geblieben bist! Ich hoffe, es hat dir gefallen und Du nimmst etwas mit, dass Du auf dein eigenes Autorenleben anwenden kannst.

Nun gehe hin und verkünde die frohe Botschaft!

Diesen Blogpost habe ich ursprünglich in englischer Sprache bei The Writing Cooperative veröffentlicht.

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