Wie gestalte ich eine glaubwürdige Romanfigur? Ganz gleich, in welchem Genre Du Dich betätigst, das ist eine der wichtigsten Fragen, die Du Dir stellen musst. Eine einheitliche, glaubwürdige Figur findet in einem guten Plot ihr Gegenstück.

Ob mit oder ohne Scrivener – Du musst Deine Romanfigur kennen

Selbst, wenn Du einen Roman schreibst, der mit einer oder zwei Figuren auskommt, kann Dir Dein Gedächtnis nach einigen Monaten Schreiberei und ein paar tausend Worten Probleme bereiten. Du bist mitten im Plot und versuchst, aus einer Kombination aus Suchfunktion und Gedächtnisleistung Details zu eruieren. „Welche Augenfarbe hat nochmal mein Protagonist?“, „Wo ist er gleich geboren?“.

Am fiesesten wird’s wohl, wenn Du noch kein klares Bild davon hast, wie er in bestimmten Situationen reagieren mag. Mal schnell nachschlagen, ob eine Romanfigur Angst vor Holzpuppen hat? Wenn Du Glück hast, kannst Du Dich an die Formulierung erinnern oder hast sogar Holzpuppen erwähnt. Vielleicht hast Du aber auch von der „hölzernen Dolly“ gesprochen und Raum für Imagination gelassen. So oder so, diese mühselige Kramerei hält Dich nur von der eigentlichen Arbeit ab.

Das Problem zieht nur weitere Kreise, wenn die Figurenanzahl zunimmt. Schön und gut, wenn in Deiner epischen Schlacht 4000 Ritter aufeinander einrennen. Aber das bedeutet nicht, dass sie bis auf einen eigenschaftslos sein sollten.

Völlig egal, ob Du Fantasy, Dramen, Novellen oder die nächste Romanreihe schreibst: Wenn Du einen guten Job machen willst, sollte ein tiefgründiges Verständnis der menschlichen Natur Teil Deiner Arbeit als Autor sein.

Robert McKee verweist in diesem Zusammenhang auf das mittelalterliche Konzept des Gedankenfressers. Dieser Gedankenfresser hat die Möglichkeit, ein Individuum vollständig zu erfassen. Seine Ängste, sein Potenzial und seine Natur, die er selbst gar nicht realisiert, betrachtet der Gedankenfresser wie eine Ausstellung im Museum. Auch Du solltest als Autor versuchen, es dem Gedankenfresser gleichzutun. Mach einen Spaziergang durch die Innenwelt Deiner Romanfiguren, nicht nur des Protagonisten.

Warum ist das wichtig für den Plot Deines Romans?

Um den Gedankengang Robert McKees weiter zu verfolgen, sollte Deine Handlung auf die Eigenarten Deiner Figuren abgestimmt sein. Bei einem Figurentyp ist es interessanter zu beobachten, wie er auf den nahenden Tod eines Angehörigen reagiert; bei einem anderen gibt es mehr her, wie er auf die Genesung desselben Angehörigen reagiert (oder auch nicht).

Deine Handlung selbst muss dabei gar nicht überweltlich sein oder ungewöhnliche Settings enthalten. Natürlich besteht diese Option, es ist aber kein Zwang. Vor allem solltest Du Dir nicht einreden, dass eine langweilige Handlung durch fremdartige Figuren oder Settings zum mitreißenden Epos wird. Ein langweiliger Muhirazzin mufft genauso wie ein langweiliger Michael, auch wenn ein passender Name nicht schadet.

Das weit verbreitete Motto „Show, don’t tell“ bringt Robert McKee schließlich mit der Figurenzeichnung ineins, wenn er sagt:

“True character can only be expressed through choice in dilemma. How the person chooses to act under pressure is who he is – the greater the pressure, the truer and deeper the choice to character.”

— Robert McKee – Story

Wenn Du mehr darüber erfahren willst, wie Du Deine Figuren und Handlungsstränge aufeinander abstimmen solltest, kann ich Dir die Lektüre von „Story„* nur wärmstens empfehlen.

Aber wie kannst Du zumindest die rudimentären Charakterzüge Deiner Figuren über die Dauer eines längeren Projekts hinweg verfolgen?

In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, wie Dir Scrivener dabei hilft, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Theoretisch kannst Du natürlich genausogut Karteikarten anlegen oder Dokumente außerhalb Deines eigentlichen Projekts verfassen. Sammeln solltest Du die Informationen zu Deinen Figuren, vor allem Deinem Protagonisten, aber auf jeden Fall.

Figurenkarten in Scrivener

Die Vorgaben in den Scrivener Figurenkarten sind in englischer Sprache angelegt. Allerdings ist es natürlich ein Leichtes, die wenigen enthaltenen Punkte ins andere Sprachen zu übersetzen, um damit arbeiten zu können. Eine beispielhafte Übersetzung und Erweiterung liefere ich Dir unten mit, sofern Du Deine Vorlage gleich per Copy & Paste ändern möchtest.

In der Romanvorlage von Scrivener sind diese Vorgaben schon aktiviert, in anderen musst Du sie ggf. manuell hinzufügen. Die Standardkarte wird als „Character Sketch“ gelistet, hier nenne ich sie der Einfachheit halber Figurenkarte. Scrivener fordert Dich in den Karten dazu auf, folgende Details zu Deinen Figuren festzuhalten:

  • Role in Story (Rolle innerhalb der Handlung)
  • Occupation (Beruf)
  • Physical Description (Beschreibung des Äußeren, körperliche Merkmale & Besonderheiten)
  • Personality (Persönlichkeit)
  • Habits/Mannerisms (Gewohnheiten, Eigenheiten, Fimmel)
  • Background (Hintergrund)
  • Internal Conflicts (Interne Konflikte)
  • External Conflicts (Externe Konflikte)
  • Notes (Notizen)

Mit diesen Punkten sind die essentiellen Besonderheiten Deiner Figur erfasst. Diese helfen Dir dabei, sie im Laufe Deines Projekts konsistent und glaubwürdig zu beschreiben.

Vielleicht bevorzugst Du aufgrund Deines Thema oder Deiner Arbeitsweise auch andere Inhalte Deines Romanprojekts.

Anwendungsbeispiele

Schreibst Du beispielsweise einen historischen Roman, der im mittelalterlichen England spielt, dann ist das Berufsfeld sicher wichtig; es sollte aber ergänzt werden durch weitere Felder zur Familiengeschichte oder zur Herkunft der Figur. Ist sie adelig oder gehört sie einem anderen Stand an? Welches Verhalten wäre für diesen Stand typisch und wird sich meine Figur standesgemäß verhalten?

Je nach Typ erfordert Deine Schreibweise auch visuelle Hinweise, die Dich schnell an Details erinnern. So kannst Du die richtigen Assoziationen wachrufen, ohne Dich in lange Textpassagen einarbeiten zu müssen. Genauso, wie Du Text einfügen kannst, gibt Dir Scrivener die Möglichkeit, Mediendateien in diese Karten einzufügen.

Möchtest Du nun die Vorlage für alle weiteren Projekte umgestalten, kannst Du weiter unten innerhalb der Mappe die Vorlagen für Figurenkarten bearbeiten. Du kannst weitere Überschriften hinzufügen, die Dich beim nächsten Projekt dazu auffordern werden, Deine Figur von Anfang an gründlich auszuarbeiten.

Das gleiche Prinzip greift natürlich bei den Karten für Kulissen. Auch dort wirst Du dazu aufgefordert, Details zum jeweiligen Ort anzugeben. Natürlich kannst du diese genauso ändern wie auch die Figurenkarten.

Gerade für die Figurengestaltung ist aber eine Vorgabe interessant, die bereits Teil der Romanvorlage in Scrivener ist: Innerhalb der Vorlage fordert Dich Scrivener nämlich auf, die mit einem Ort in Verbindung stehenden Figuren aufzulisten.

Wenn Du ein Drama schreibst, dessen Akte durchweg in einer bürgerlichen Küche spielen, ist diese Funktion natürlich wenig hilfreich. Wenn Du aber zahlreiche Ortswechsel in Dein Projekt einarbeiten willst, ist es hilfreich, auch hier den Überblick zu behalten. Du kannst später das gesamte Projekt nach Figurennamen wie nach Orten durchsuchen. So helfen Dir die Figurenkarten und Ortskarten dabei, schnell die notwendigen Informationen zusammenzutragen, wenn Du zweifelst, ob Dein marsianischer Elf schon den Mond besucht hat.

Nehmen wir an, Deine Geschichte beginnt mit der Jugend von Zwillingen. Sie sind getrennt voneinander aufgewachsen, ihre Erlebnisse weisen aber trotzdem Parallelen auf. Nehmen wir weiter an, Du hast zufällige Begegnungen in Deinen Plot eingearbeitet, welche die Figuren selbst nicht einmal realisieren. In dem Fall ist es natürlich hilfreich sein, die Szenen und Orte mit den Figuren in Verbindung zu bringen, um nicht durcheinander zu geraten.

Es muss kein Schreibprogramm sein

Wie gesagt, dasselbe Ziel lässt sich auch ohne Scrivener oder ein anderes Schreibprogramm mit Karteikarten, Notizbüchern oder anderen Mitteln erreichen. Ich persönlich finde es aber toll, alles in einem Dokument vorzufinden und meine Informationen nicht mühselig zusammentragen zu müssen.

Natürlich erlaubt Dir Scrivener auch, weitere Karten für die unterschiedlichsten Kriterien, Funktionen und sonstigen Handlungsdetails anzulegen. Darauf gehe ich aber in einem anderen Beitrag ein.

Für heute hoffe ich, ich konnte Dir mit ein wenig weiterhelfen. Wenn Dir meine Hinweise geholfen oder sie Dich auf Scrivener als Schreibwerkzeug aufmerksam gemacht haben, lass es mich wissen! Schreib mir eine E-Mail oder sende mir einen Tweet mit Deiner Meinung. Ich freue mich auch, mit anderen Details rund um Deinen literarischen Durchbruchs helfen zu können, sei es mit einem Lektorat oder der Empfehlung des geeigneten Schreibprogramms.

Ich für meinen Teil begebe mich jetzt wieder an meine Parodie eines kleinbürgerlichen Zweiakters.

Wir lesen uns!

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