Sicher sind die großen Schlachten der Schreibprogramme um Marktanteile bereits geschlagen. Eine Frage bleibt allerdings auch für heutige Nutzer noch offen: Wie ist es bestellt um die gefühlte Arbeitsumgebung, die uns das Programm liefert? Deshalb möchte ich in diesem Tutorial die Anwendungsoberflächen von Microsoft Word und Scrivener miteinander vergleichen.

Ich selbst nutze das Schreibprogramm Scrivener erst seit knapp einem Jahr. Heute verfasse ich alle meine Blogposts und schriftlichen Projekte damit. Zugegeben, meine gerade abgeschlossene Dissertation in der Germanistik habe ich mit Word verfasst. Das hing aber damit zusammen, dass Word Plugins wie Endnote X8 unterstützt. Scrivener tut das nicht. Beide Programme sind mir also recht vertraut.

Benutzeroberfläche im Schreibprogramm Word

Meines Erachtens beeinflusst das „Werkzeug“ ganz allgemein den Schreibprozess selbst enorm; ganz gleich, ob man nun den Unterschied zwischen Bleistift und Schreibmaschine oder den zwischen Evernote und Scrivener meint. Die Auswahl eines Textverarbeitungsprogramms für ein neues (womöglich größeres) Projekt beeinflusst also essentiell, wie jenes Projekt vonstattengeht. Worin unterscheidet sich also die Benutzeroberfläche oder UI der beiden Programme?

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Oberfläche von Microsoft Word…

Hierbei gehe ich von den Standardeinstellungen aus. Sicher, Du kannst auch diejenigen Funktionen, die Du häufig nutzt, dauerhaft den Kurzbefehlen in der Befehl-Leiste hinzufügen. Darum soll es aber heute nicht gehen.

Die Standardansicht in Microsoft Word ist das Drucklayout, und das aus gutem Grund. Fast alle Reiter und Funktionsbuttons im Menü für Kurzbefehle befassen sich mit dem Layout des fertig gedruckten Dokuments.

Die Reiter in Microsoft Word

Startreiter in Microsoft Word

Der Startreiter bietet die Formatvorlagen, damit man sich nicht um Schriftarten und -größen kümmern muss. Der Entwurfreiter bietet noch Farbpaletten und Schriftartkombinationen. In Layout stellt man natürlich die Seitenränder und Abstände der gedruckten Seite ein. Verweise nimmt dem Nutzer die Formatierung von Inhalts- und Literaturverzeichnissen ab wie Sendungen die des Briefverkehrs.

Einzig die Reiter Einfügen, Überprüfen und Ansicht sind nicht (ausschließlich) mit dem Drucklayout befasst. Kurz, MS Word ist darauf aus, dem Nutzer den Weg zum druckreifen Dokument möglichst zu erleichtern.

Willst Du schnell ein Rundschreiben verfassen, ohne Dir über Serifenschriften und Farblehre den Kopf zu zermartern, bist hier goldrichtig. Allerdings siehst Du Dich während des gesamten Schreibprozesses mit all diesen Layout-Optionen konfrontiert. Die einzige Alternative besteht darin, diese permanent auszublenden.

Und wenn Du Dich nicht bis in den Ansichtsreiter vorkämpfst und dort auf die Option der Gliederungsansicht ausweichst, siehst Du Dein Dokument permanent so wie es später der Drucker ausspucken wird.

Zunächst mag man hier denken, das sei doch prima und sinnvoll. Im Prinzip will ich es auch nicht verteufeln. Die Falle der gefühlten Produktivität durch Fummelei am Layout ist allerdings tückisch. Was könnte ich berichten von zahllosen Stunden am Schreibtisch, in denen mich irgendeine falsch formatierte Fußnote vom tatsächlichen Schreiben abgehalten hat. „Nur mal kurz“ wird dann schnell zu einem Problem, das sich auf das ganze Dokument ausdehnt und bis abends Zeit kostet.

Word ist eigentlich kein „Schreibprogramm“, sondern will immer druckbereit sein

Word geht im Prinzip davon aus, dass das Dokument zu jedem Zeitpunkt seiner gesamten Bearbeitungszeit druckreif zu sein hat. Und Bill Gates behüte Dich, wenn Du spontan entscheiden solltest, fertig formatierte Blöcke von A nach B zu bewegen; gerade bei größeren Dokumenten ein großes Vergnügen.

Doch ich will nicht abschweifen in eine Tirade über die Ärgernisse, die bei Langzeitprojekten ohnehin unvermeidlich sind. Schauen wir uns doch an, was Scrivener denn anders angeht.

UI in Scrivener – Kein Layout, nur schreiben

Die Anwendungsoberfläche in Scrivener ist zunächst minimalistisch gehalten. Reiter wie in Word gibt es keine. Das hängt letztlich damit zusammen, dass die meisten Funktionen, die Word dort unterbringt, in Scrivener mit dem Schreibprozess nichts zu tun haben. Vielmehr werden sie erst beim Zusammenstellen relevant, also dem Abspeichern im gewünschten Dateiformat und mit vorzugebendem Layout.

UI in Scrivener

In der Symbolleiste, die wie in Word anpassbar ist, findest Du zunächst ausschließlich Funktionen, die mit der Ansicht des eigenen Textes, verschiedenen Schreibvorgängen oder den allernotwendigsten Formatierungen befasst sind. Wenn Du also die Formatoptionen aus Word gewohnt bist, erhältst Du hier sogar weniger als dort im Start-Reiter untergebracht wird.

Dafür sind schon die Kurzbefehle sehr inhalts- und weniger layoutorientiert. Stichwörter, Schnellreferenzen, Kommentare, Synopsen, Arbeitsaufträge und die Gliederung selbst prägen von Anfang an die Arbeitsoberfläche.

Scriveners Mappe

Links prägt die Mappe das Bild, die Entsprechung von Words Dokumentstruktur in der Navigationsansicht, nur mit einem entscheidenden funktionalen Unterschied: Scrivener ist auch hier auf die Textproduktion ausgerichtet.

Während Microsoft Word dem Autor lediglich die Navigation durch das eigene Dokument über die Randleiste erlaubt – wenn auch in verschiedenen Ansichten wie Miniaturbild, Dokumentstruktur, Überarbeitungsbereich und Suchen & Ersetzen – ist die Mappe in Scrivener Teil der Editorfunktion. Hier sind nämlich nicht nur Notizen, Mülleimer und Kapitel versammelt, man kann auch ganze Textblöcke innerhalb des Fließtextes über die Mappe verschieben; für mich eine der Funktionen, die Scrivener eher zum Schreib- als zum Layout-Programm macht.

Scriveners Prüfer

Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn Du weitergehst zur rechten Seite der Anwendungsoberfläche, dem Prüfer. Dort warten als erstes Karten für die Synopsen der Unterkapitel, die Du auch mit Kategorien und einem projektbezogenen Status (To-Do, Erstfassung, etc.) versehen kannst. Da diese Funktion eng mit dem Ansichtsmodus verknüpft ist – dazu in einem anderen Beitrag mehr, kannst Du so schnell einen Eindruck darüber gewinnen, welche Kapitel noch Aufmerksamkeit benötigen.

Im Prüfer folgen Dokumentreferenzen, die samt URL dokumentiert werden, sowie von Dir definierbare Schlagwörter und Metadaten.

Du kannst einen Schnappschuss des aktuellen Stands festhalten, sodass mit wenigen Klicks zu einem früheren Stand des Dokuments zurückkehren kannst. Auch Word hat früher die Funktion Versioning unterstützt, sodass Du mehrere Versionen abspeichern konntest, allerdings funktioniert diese heutzutage anders, was teils mit den Optionen für Kollaboration zusammenhängt; doch dazu ein andermal mehr.

Zuletzt folgen noch Fußnoten und Kommentare, was auf den eingefleischten Word-Nutzer zunächst widersprüchlich wirken mag, weil diese Kategorien bei Microsoft vollkommen separat gehändelt werden (Auch ein Grund dafür, dass Fußnoten in Word nicht kommentierbar sind, Frechheit…).

Mappe und Prüfer sind mit einem Klick auf den zugehörigen Button in der Symbolleiste ein- und ausblendbar. Und wo wir schon beim Ausblenden sind…

Vollbildmodus für konzentriertes Arbeiten

Wenn Du auf all die ablenkenden Knöpfchen und Schalter keine Lust hast, kannst Du Dich mit einem Klick in den Vollbildredaktionsmodus verabschieden. Früher hat das in Word die Fokus-Ansicht ermöglicht; heute musst Du Dir über den Vollbildmodus und ausgeblendete Funktionsleisten behelfen, was für meine Begriffe etwas umständlich ist.

Die Zielwert-Funktion

Zuletzt möchte ich noch auf eine Funktion eingehen, die in Scriveners Anwendungsoberfläche zunächst sehr unscheinbar wirkt, jedoch den absoluten Star aller Schreibprogramme darstellt. Darf ich vorstellen, die Zielwert-Funktion.

Wenn Du in Scrivener schreibst, unterscheidet sich die untere Programmleiste zunächst nicht großartig von der in Microsoft Word oder anderen Textverarbeitungsprogrammen. Wort- und Zeichenzählung stehen neben den Zoom-Optionen. Doch am äußersten Rand versteckt sich ein kleines Zielscheibensymbol. Wofür das?

Nun, hier haben die Entwickler von Scrivener bewiesen, dass sie begriffen haben, wie große Projekte bewältigt werden. Ganz gleich, welche großen Autoren, Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker Du Dir herauspickst, Du wirst kaum einen finden, der über keine alltägliche Arbeitsroutine berichten könnte. Für Stephen King sind es zehn Seiten, für Arthur Conan Doyle waren es 3000 Wörter.

Das Scrivener-Team hat diesen Umstand in die Oberfläche eingebaut, und deshalb kannst Du über diese Zielscheibe Deinen Zielwert in Zeichen oder Wörtern für ein bestimmtes Dokument angeben. Zudem hast Du die Möglichkeit, Dich vom Programm benachrichtigen zu lassen, wenn Du diesen Wert erreicht hast.

Du kannst auch Ziele für ganze Projekte im Gegensatz zu einzelnen Schreibsitzungen (also Tagen) setzen und ein Kalenderdatum als Deadline festlegen, doch all den Feinheiten der Zielfunktion widmen wir uns in einem anderen Beitrag.

 

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Solltest Du nun Word oder Scrivener benutzen?

Wie so oft, ist diese Frage leider zu pauschal. Ich persönlich benutze beide sehr gerne, nur zu unterschiedlichen Zwecken. Beide haben ihre Stärken und Schwächen, derer Du Dir bewusst sein solltest, sofern Du in Erwägung ziehst, mehrere Programme zu nutzen.

Scrivener ist für mich das Programm der Wahl, wenn es darum geht, schnell und effizient Texte ohne große Ablenkungen zu erstellen. Vom Sammeln der für ein Projekt relevanten Informationen bis hin zum Formulieren des letzten Satzes ist Scrivener darauf aus, den Schreibprozess zu optimieren. Dabei passt es sich der Denkweise der Autoren vollständig an. Es gibt zahlreiche weitere Funktionen, die man nun lobend betonen könnte, doch dazu an anderer Stelle mehr.

Die Stärken von Microsoft Word sehe ich in ganz anderen Bereichen. Zunächst ist es natürlich von Anfang an mehr „Layout-Programm“ als „Schreibprogramm“. Das bedeutet zum einen, dass es unerfahrenen Nutzern oder solchen, die unter Zeitdruck sind, Layout-, Farb- und Schriftauswahl zur Verfügung stellt. Es nimmt Dir also viele Entscheidungen hinsichtlich der Seiteneinrichtung ab, was Scrivener nicht direkt tut.

Erweiterbar durch Plugins – Ja oder nein?

Zudem ist Microsoft Word auf ziemlich jede erdenkliche Art durch Plug-Ins, also kleine Zusatz-Programme, erweiterbar. Von Lexis für juristische Dokumententwürfe und MailChimp für Newsletter über SEO-Plugins bis hin zu Compare Text, einem Plugin zum Versionsabgleich – für jede noch so kleine Nische ist ein Programm dabei.

Bis heute besitzt Scrivener nach meiner Kenntnis keine Möglichkeit der Erweiterung; einer der Gründe, weshalb auch der Einsatz für meine Dissertation damals nicht in Frage kam (und vielleicht auch, weshalb die letzte Bastion, die Scrivener noch nicht einmal in Angriff genommen hat, der wissenschaftliche Markt ist).

Kollaboration

Ein weiterer Funktionsbereich von Word, auf den Scrivener wohl absichtlich keinen Fokus legt, ist die Zusammenarbeit an Dokumenten im Team; eine Funktionalität, die selbst Microsoft erst vor einiger Zeit hinzugefügt hat, wohl nicht zuletzt durch den neuen Konkurrenten Google Docs. Mittlerweile ist sie recht ausgereift. Wenn also der Software-Preis keine Frage spielt, ist diese Funktion kein entscheidender Faktor mehr.

Dateiformate

Ein weiteres (eher schwaches) Argument für Microsoft ist ihr eigenes Dateiformat. Auch wenn es nicht jeder wahrhaben will, aber in den meisten Bereichen ist Microsoft nach wie vor Marktführer, was bedeutet, dass Doc-Dokumente oder die neueren Docx-Exemplare als Standard vorausgesetzt werden. Sicherlich gibt es Export- und Konvertierfunktionen. Mancher Nutzer traut diesen aber nicht und in einigen Fällen ist hier auch zurecht Vorsicht geboten. Für Scrivener kann ich hier allerdings bislang auch nichts Negatives berichten.

Word für Lektoren

Das letzte Einsatzszenario, welches mir persönlich besonders vertraut ist und am Herzen liegt, verdankt sich allerdings genauso besagtem Dateiformat, und das ist das Korrektorat oder Lektorat. Die Kommentarfunktion in Microsoft Word ist meines Erachtens immer noch einer der häufigsten Wege für Lektoren, ihre Kommentare und Korrekturen an Autoren zu übermitteln. Für diese besondere Art der Zusammenarbeit bleibt Microsoft meines Erachtens auch bis auf weiteres konkurrenzlos.

Und das sind sie, meine Gedanken und Eindrücke der allgemeinen Arbeitsumgebung, die Microsoft Word und Scrivener uns Schreibern bieten. Welche Schreibprogramme kommen bei Dir zum Einsatz und in welchem Zusammenhang? Habe ich Dich angestiftet, Word oder Scrivener noch eine Chance zu geben? Oder würdest Du gern zu einem Textverarbeitungsprogramm mehr erfahren?

Lass es mich wissen, in den Kommentaren, auf Facebook & Twitter oder per Email!

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