Bei guter Literatur und mitreißenden Filmen ist immer wieder die Regel vom Handlungsbogen. Aber wie trägt Deine Figur, Dein Protagonist, zum Handlungsbogen bei? Oder ist sie am Ende nur ein Spiegel dieses Bogens?

Mehr Tipps zu guten Geschichten bei Robert McKee

Einige der Tipps und Einsichten dieses Beitrags habe ich mir über die Jahre aus dem Germanistik-Studium und meiner Lektüre zusammengesucht. Andere stammen aus meiner jüngsten Lektüre von Robert McKees Story*, das ich Dir nur ans Herz legen kann, wenn Du mit Deiner Story überzeugen möchtest.

Also, wie sieht der klassische Handlungsbogen aus, bei dem wir der Entwicklung einer Figur folgen?

Nehmen wir eine beispielhafte Romanhandlung…

Sagen wir, Dein Protagonist ist Dozent.

Eingangs lernt der Leser ihn als liebevollen Familienvater kennen, der im Beruf mit liebevoller Strenge Studenten an seinen Lippen hängen lässt. Wir erfahren, wie er aussieht, welchen Geschlechts er oder sie ist, woher er stammt, welche Kleidung er trägt, an welcher Universität er arbeitet.

Alle äußerlichen Merkmale seines Lebens finden Erwähnung. Du kennst ihn also so gut wie den Nachbarn, den Du gelegentlich auf dem Flur siehst. Damit steht die Charakterisierung Deiner Figur, nicht aber der Charakter!

Begehe nicht den Fehler zu glauben, Du hättest einen vollwertigen Protagonisten ausgearbeitet, weil Du weißt, dass er morgens gerne Haferflocken mit Ketchup isst. Ja, ich weiß. Er ist ein Freak. Aber er glaubt nun mal, dass er sich nur so vor den Aliens schützen kann.

Aber das reicht uns nicht. Um Deinen Protagonisten glaubwürdig zu gestalten, willst Du ihm genauer in den Kopf gucken als ein stalkender Hirnchirurg. Und sein Charakter wird sich erst dann offenbaren, wenn Du Deine Figur handeln lässt. Noch besser: Wenn Du sie unter Druck oder äußerlichen Zwängen Entscheidungen treffen lässt. Also, lass die Fäden tanzen!

Das Profil Deiner Figur entsteht durch Handlungen & Reaktionen, nicht durch Deine Charakterisierung

Wenn Du beschreibst, dass Dein Protagonist sich im Autohaus Sportflitzer ansieht, ist das zunächst nichts Besonderes. Wenn der Leser aber zusätzlich weiß, dass er nur wenige Minuten vorher den Mord seiner Ehefrau in Auftrag gegeben hat, wirft das ein anderes Licht auf seine Entscheidung. So auch bei unserem Dozenten.

Um ihm zunächst ein genaueres Profil zu geben, lässt Du ihn auf neue Erkenntnisse oder Ereignisse reagieren. Vielleicht hat Dein Dozent eine Affäre mit einer Studentin wie bei Dietrich Schwanitz. Oder er hat Spielschulden angehäuft, während er als promovierter Betriebswirt seinen Studenten die Bewertung eines Portfolios erläuterte.

Diese neuen Erkenntnisse beschreibt nicht der Erzähler. Sie offenbaren sich durch die Handlung der Figur. Dadurch wird Dein Protagonist und die an ihm hängende Handlung facettenreicher. Der Leser bildet sich vielmehr sein eigenes Bild, als dass Du ihm eins diktierst.

Menschlicher wird Deine Figur erst dadurch, dass Du sie menschliche Entscheidungen treffen lässt. Der Kontrast zwischen Innen und Außen ist dabei gewollt.

Weitere Handlungen Deines Protagonisten werden durch dieses Profil facettenreicher

Nun, da der Leser weiß, mit wem er es zu tun hat, wirfst Du Deinem Protagonisten weitere Bälle zu. Seine Aufgaben und Probleme werden zunehmend schwerer. Und da jetzt auch der Leser einen besseren Eindruck davon hat, mit wem er es wirklich zu tun hat, schätzt er die Handlungen genauer ein.

Nachdem die wahre Natur der Figur offenbart ist, muss sie immer mehr schwierige Entscheidungen treffen. Ziel ist, den Widerspruch zwischen Innen und Außen in Handlungen zu verdeutlichen. Runter mit der Maske!

Noch ein Beispiel…

Sagen wir, Du beschreibst Deinen Dozenten in einer Sprechstunde, nachdem Du Dich für die Spielschulden als Handlungsstrang entschieden hast.

Ein Student bespricht mit ihm als Hausarbeitsthema eine Spieltheorie, nach der die Entscheidungsträger unter bestimmten Bedingungen unaufgefordert mehr und mehr aufs Spiel setzen. Da Dein Protagonist am Vorabend einen neuen Schuldenberg angehäuft hat und noch nicht weiß, wie er seiner Familie mitteilen soll, dass sie aus der blattgoldbeschlagenen Villa ausziehen müssen, sieht er das Thema unter persönlichen Vorzeichen. Er rastet aus und zerfetzt das Thesenpapier in der Luft.

Wichtig ist: Jetzt ist Deine Figur nicht einfach wütend, traurig, glücklich oder verbittert. Hintergrund und Vordergrund spielen ineinander und beeinflussen einander.

Hin zum Ende arbeitest Du die Widersprüche zwischen Handlungen und erster Außenwirkung aus

Schließlich kommen wir zum letzten Schritt, der zum Abschluss Deiner Geschichte beitragen wird.

Ein weiterer Student hat Deinen Protagonisten im Kasino gesehen, während er seine Armbanduhr für ein paar weitere Jetons versetzt hat. Daraufhin ist er skeptisch geworden. In der Sprechstunde bohrt er ein bisschen, um seinen Dozenten schließlich zu erpressen. Kurzfassung: Aus Verzweiflung und Angst um seinen guten Ruf an der Universität erschlägt der Dozent seinen eigenen Studenten.

Wie nun die Familie reagiert und Dein Protagonist auf die Familie bzw. ob diese Reaktion überhaupt noch Teil der Handlung sein sollte, sei dahingestellt.

Bei der Figurengestaltung geht es nur um eins!

Der Leser muss bei einem völlig anderen Menschenbild ankommen als er es zu Beginn der Geschichte hatte. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir uns ins Negative oder ins Positive bewegen. Dein Dozent hätte genauso gut als arbeitsloser Trinker anfangen können und in der Wissenschaft oder Wirtschaft aufsteigen können, nachdem er auf der Straße einem Fremden geholfen hat (vereinfacht, versteht sich).

Achten musst Du nur auf eines:

Keine Figur und keine Story ist an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit verpflanzbar.Vielleicht schreibst Du eine dieser ganz seltenen Parabeln wie Animal Farm, in denen Zeit und Raum keine große Rolle spielen, dann gilt das nur eingeschränkt.

Bilde Dir aber nicht ein, dass Deine Figur der „klassische deutsche Beamte“ sei und dass Du deshalb nicht darauf achten müsstest, ob wir uns im Thüringen der 80er oder im NRW der Gegenwart befinden.

Gehen wir davon aus, dass unser Dozent im Beispiel sich scheiden lässt. Diese Scheidung wäre dennoch eine völlig andere als die des Dozenten in einer anderen Geschichte an der Berufsschule im sozialen Brennpunkt. Den zweiten Dozenten erpresst der Student dann nicht wegen seines dunklen Kasino-Geheimnisses, sondern vielleicht, weil er ihn aufgrund seiner Kultur nicht akzeptiert.

Also, noch einmal kurz und knackig. Welche Punkte durchläuft Deine Figur im Handlungsbogen?

  • Am Anfang steht die Charakterisierung Deiner Figur, nicht der Charakter. Der Leser lernt seine äußeren Merkmale kennen. Dadurch baust Du Erwartungen auf.
  • Im Laufe der Handlung muss Deine Figuren Entscheidungen treffen. Aus den Reaktionen und Urteilen leitet sich sein wahrer Charakter ab, ohne dass Du ihn beschreibst.
  • Aus dem Widerspiel zwischen Charakter und anfänglicher Charakterisierung entstehen weitere Widersprüche und Handlungsstränge. Unter Umständen reflektiert Deine Figur darüber, was zu weiteren Handlungen führt.
  • Deiner Figur werden immer schwierigere Aktionen abverlangt. Dadurch lernt der Leser immer mehr darüber, wie sie sich unter bestimmten Umständen verhält. Ob beim Lottogewinn oder nach dem Mord der Ehefrau, ist zweitrangig.
  • Hin zum Ende hat der Leser ein tiefgründiges Verständnis Deiner Figur. Er versteht sie aufgrund seiner Handlungen, nicht aufgrund Deiner Charakterisierung. Mach Dir das zunutze und spare die wichtigste Entscheidung, das Feuerwerk, für die letzten Szenen auf. Sie werden im Gedächtnis kleben bleiben und letztlich das Urteil Deiner Leser ausmachen!

Es ist nicht wichtig, dass Du jede Figur derart facettenreich ausarbeitest, aber bei Deinem Protagonisten oder Deinen wichtigsten Figuren solltest Du Dir die Arbeit schon machen. Sonst wird der Charakter am Ende zu flach.

Das war’s auch schon für heute!

Wenn Du jemanden kennst, dem dieser Beitrag bei seiner Geschichte helfen könnte, leite ihn doch weiter. Je mehr davon profitieren können, desto besser! Und wenn ich Dir bei Deiner Story helfen kann, schick mir einfach eine E-Mail; dann schauen wir, wie Du Deinen Protagonisten auf die nächste Stufe beförderst.

Bis dahin, mach’s gut. Wir lesen uns!

Dein Protagonist ist Dein Handlungsbogen
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