Stephen King plottet nicht
Warum Stephen King sein Ende nicht kennen will

Vielleicht brauchst Du gar keinen Plot

Solltest Du als Autor selbst nicht wissen dürfen, was Deinen Figuren am Ende passiert? Oder brichst Du dadurch das heilige Gesetz des Plots?

In diesem Beitrag wollen wir gemeinsam darüber nachdenken, ob Du einen Plot benötigst oder nicht. In den meisten Schreibratgebern, Autorenbiografien und Top-10-Blogposts behandeln die jeweiligen Autoren den Plot wie ein Schwimmlehrer das Wasser. „Das Wasser geht nicht weg und wenn Du schwimmen willst, musst Du eben nass werden. Wenn nicht, lauf um den Pool herum.“

Aber ist das so? Muss ich zwingend plotten, um einen Roman oder ein Theaterstück zu schreiben? Bevor wir uns mit einem lauten Platsch einfach in die Fluten stürzen, erkläre ich Dir kurz, wie ich zu diesem Gedanken komme.

Wie ich dazu kam, über Plot nachzudenken

Meine Leseliste frische ich regelmäßig mit Autorbiografien, Handbüchern über das Schreiben und Ratgebern aller Art auf. Der letzte stand viel zu lange auf meiner Liste.

Und den habe ich gerade deshalb gerne gelesen, weil der Autor nicht wie viele andere von der Kanzel predigt, sondern salopp seinen Werdegang beschreibt und wie nebenbei Tipps zur Buchbranche, Grammatik und zu Arbeitsroutinen fallen lässt.

Stephen Kings On Writing*.

In mir schlummert immer noch der pflichtbewusste Anglist, der im Geiste Tweedjacke mit Ellenbogen-Patch trägt und am Kamin bei gutem Scotch über Shakespeare philosophiert. Deshalb war klar: Wenn ich das Buch im Original lesen kann, tue ich genau das. Zwangsneurose. Was soll ich machen?

Vorab habe ich mich nie ausgiebig mit Kings Biografie befasst. Deshalb wollte ich die Gelegenheit nutzen und die Lektüre gleich mit einigen der Vorträge und Interviews anreichern, die auf YouTube so zahlreich sind wie die Morde in Kings Romanen.

Neben Schreibroutinen, dem Thema „Horror“ und seinen Einflüssen erwähnt King durch viele Vorträge und das Buch hinweg wiederholt die Idee, nicht zu plotten.

Stephen King, John Irving und ihre Haltung gegenüber dem Plot

King will nicht wissen, wie es ausgeht, bevor er selbst „The END“ tippt.

Eine der Geschichten, die seine Vorgehensweise begleitet, ist die über den Austausch mit John Irving, der den letzten Satz seiner Geschichten grundsätzlich zuerst schreibt.

Für Stephen King so sinnvoll wie sein Dessert vor dem Hauptgang zu essen.

Um diesen Unterschied geht es mir heute. Solltest Du als Autor Dein Ende, Deinen Plot von vornherein kennen? Warum funktioniert es für Irving offensichtlich besser als für King?

Der Fairness halber sollte ich kurz einstreuen, dass King deshalb nicht auf die klassischen Elemente einer guten Story verzichtet. Er arbeitet aber Wendepunkte anders ein als Irving.

Warum könnte es besser sein, das Ende der eigenen Story nicht zu kennen?

Da ich mich selbst gerade an meine erste Story heranwage – wenn auch keinen Roman im Stil Kings – wollte ich der Sache auf den Grund gehen.

Tagelang hatte ich mir Handlungsbögen, Hintergrund-Story und Szenenverläufe notiert. Hätte ich jetzt einfach drauf lostippen können? War das alles für die Katz?

Zunächst konnte ich mich damit beruhigen, dass selbst King gleich ein Gegenbeispiel nennt. Und egal, was man von Irving hält – offenbar kann ich als Autor erfolgreich sein, wenn ich mit der letzten Zeile beginne.

Hängt die Vorliebe für Plot mit dem Werdegang des Autors zusammen?

Meine nächstbeste Erklärung war die, dass die Biografie sicher Einfluss auf die Arbeitsroutinen verschiedener Autoren hat. Nicht umsonst geht doch Irving laut eigener Aussage an Texte wie an Gegner im Ringkampf heran, oder?

Schön und gut. Und sicher sind viele der Macken und Eigenarten eines jeden Autors ein Stück weit dem Umfeld, Erlebnissen oder Experimenten geschuldet. Egal, ob sie nun mit dem Füller, mit Kreide oder nackt schreiben.

Allerdings lässt sich genauso beobachten, dass beide – King und Irving – ein sprachlich orientiertes Studium absolvierten.

Gemeinsamkeiten gibt es also auch.

Und ich für meinen Teil halte den Einfluss, den jahrelanges Lesen und Schreiben ausübt, für größer als die Wahl, die die Autorenmutter am Milchregal im Supermarkt traf.

Wenn also das Studium auch nicht schuld ist, was ist es dann?

Liegt es am Genre?

Nur ungern eröffne ich zu grobe Kategorien. Das letzte, was ich wollte, wäre, alle Autoren eines Genres über einen Kamm zu scheren.

Andererseits wäre es nicht so, dass die Regelsätze für zeitgenössische Gattungen derart in Stein gemeißelt sind wie das für überflüssige Attribute, blümenden Stil oder Alliterationen der Fall ist.

Die meisten klassischen Gattungen und Stilmittel sind in ihrer Wirkung und Funktion seit der Antike Objekt der Betrachtung einer endlosen Reihe von Rednern, Theoretikern und Gelehrten.

Aber wer könnte von sich behaupten, die Regeln aller Thriller- oder Horror-Untergattungen erfasst zu haben? Das tut nicht mal Stephen King!

Dennoch habe ich den Eindruck, dass hier die beste Erklärung für seine Vorgehensweise liegt, auch wenn er selbst diesen Zusammenhang nicht herstellt.

Treten wir kurz einen Schritt zurück.

Was will die Rhetorik?

In den meisten Fällen überzeugen.

Stofffindung und -anordnung, Stilmittel und Art des Vortrags sind der Wirkung untergeordnet.

Nun will aber der Jurist – und dieser Berufsgruppe haben wir, verzerrt betrachtet, viele Äußerungen zur Rhetorik zu verdanken – sachlich strukturiert überzeugen.

Du als Hörer oder Leser sollst also nach klassischem Verständnis jederzeit folgen können.

Will Stephen King das auch?

Wohl kaum. Das würde dem Grundprinzip vieler seiner Romane zuwiderlaufen. Wie gesagt, ich will nicht vereinfachen und behaupten, dass jeder Autor im Genre Mystery, Horror oder YA das wünscht. Das kleine Wörtchen suspense begegnet Dir aber in sämtlichen Besprechungen der Werke aus diesen Gattungen.

Auch erklärt King immer wieder, wie er mit seinen Figuren sympathisiert und sogar selbst überrascht oder bedrückt ist, wenn er sie sterben lässt.

Ganz gleich, über welche Ekel und Monster wir also schreiben: Sympathisch sollten sie auf mindestens eine Weise sein, so viel ist sicher.

Aber könnte es nicht sein, dass Stephen King sich absichtlich im Ungewissen lässt, um schon während des Schreibens permanent zu prüfen, ob die Story spannend bleibt?

Könnte es sein, dass er nur so das Gefühl aus Kindertagen eingefangen hat, dem wir die Kellertreppe hinaufstürmend folgten, weil die alte Heizung geklappert hat?

Ich glaube, ja. Wenn der Redner seine Argumente vernebelt, überzeugt er nicht.

Stell Dir vor, der Thriller-Autor klopft Dir als Leser beruhigend auf die Schulter und sagt, „Ach! Da vorne ist der Kettensägenmörder. Ich war mir auch kurz unsicher, aber jetzt können wir beruhigt weitergehen. Kommst Du?“

… Warte mal. Was? Was soll er Dir danach noch erzählen? Vielleicht spielt er zwischendurch mit deutlichen Szenen, täuscht etwas vor oder erfindet ein neues Genre. Meinetwegen.

In den meisten Fällen erwartet der Leser, wenn er blutige Krallenspuren auf dem Cover sieht, aber genau das.

Solltest Du deshalb nicht plotten?

Abschließend will ich das weder bejahen noch verneinen. Ein Stück weit hängt es von Deiner Erfahrung, dem Thema und der Form ab.

Wenn Du zum ersten Mal ein Theaterstück schreibst (wie meiner einer), wird es nicht schaden, Dir Gedanken über Deinen Plot zu machen. Selbst, wenn Du als Romanautor schon Erfahrung hast.

Andererseits schadet es genauso wenig, den Aufwand, den Du dem Plot widmest, davon abhängig zu machen, auf welche Weise Du Deine Leser oder Zuschauer überraschen willst. Was soll sie in die Story ziehen, das Was oder das Wie?

Zahllose Gattungen leben davon, nicht zur Horror-Romane.

Auch Komödien arbeiten laufend mit überraschenden Momenten.

Vielleicht verträgt Dein Manuskript eine Prise Zufall und kann die Plot-Diät verkraften. Stephen King hat es bislang nicht geschadet.

Vorsicht geboten

Sei Dir aber bewusst, dass weniger Plot dazu führen kann, dass die Story am Ende im Nirgendwo landen kann und dass Du sie schlimmstenfalls sogar abbrechen musst. Auch davon berichtet Stephen King.

Ist auch logisch. Wenn Du Deine Route nicht planst, verfährst Du Dich hin und wieder. Du findest aber auch entlegene Ecken, deren Besuch Du nie hättest planen können.

Also, wenn auch Du darauf aus bist, Deine Leser zu überraschen, setz Dich selbst der „Gefahr“ aus und schreib ohne Plot. Und wenn’s nur eine Kurzgeschichte ist. Ich schiffe gerade mehr oder minder plotlos umher und bin gespannt, welche Erfahrungen Du dabei machst.

Lass uns die Notizen vergleichen und prüfen, ob manche Autoren ohne Plot besser dran sind.

Mach’s gut! Wir lesen uns…

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