Der NaNoWriMo ist gerade herum und Myriaden von Autoren und Selfpublishern brennt es jetzt unter den Nägeln, das noch nach Druckertinte duftende Manuskript endlich in ein Buch zu verwandeln. Ich möchte dir erklären, warum du damit ein paar Monate warten solltest.

Die Idee hinter dem NaNoWriMo

Die Idee des NaNoWriMo ist so simpel wie effektiv, weil sie zahllose Autoren schon vor der Erfindung des Hashtags schätzen gelernt haben. Deshalb findest du diese Grundidee auch genauso bei Hemingway beschrieben wie in einem der NaNo-Videos von Julia Stein: “Nach vorne schreiben!”

Und auch wenn ich persönlich den diesjährigen NaNoWriMo nicht für ein Romanprojekt genutzt habe, kann ich es aus den Erfahrungen bestätigen, die ich während meiner Dissertation machen durfte:

Es peitscht dein Projekt enorm an, wenn du einfach nur „nach vorne schreibst“. Heißt im Klartext, du lässt die müßigen Details oder Recherche links liegen und schreibst Ideen und Kapitel aus, auch wenn sie einander später widersprechen oder wenn sich dadurch parallele Handlungsstränge auftun.

Mag sein, dass es bei Sachbüchern oder im wissenschaftlichen Schreiben nicht ganz so aufgeht wie bei Romanprojekten. Ich glaube aber, dass es streckenweise jeder Autor davon profitiert.

Dabei wirkt die Idee zunächst kontraproduktiv. Viele lässt sie (ver)zweifeln. Warum etwas schreiben, das ich später wieder kürze? – Letztlich wirst du so oder so am Ende dein Buch kürzen müssen. Kein Autor der Welt bringt zehn Seiten pures Gold zu Papier, ohne nicht vorher mindestens eine Seite gekürzt oder überarbeitet zu haben.

Kein Wissenschaftler und auch kein Romancier. Mir egal, wie viele Musen ihn geküsst haben oder welche Kaffeebohnen er kaut.

Und egal, ob du am diesjährigen NaNoWriMo teilgenommen hast oder nicht: Das Ziel, für einen fixen Zeitraum einem konkreten Schreibziel zu folgen, tut deinem Text definitiv gut. Vielleicht hättest du ohne die NaNoWriMo-Community gar nicht erst angefangen, weil du ein fauler Lenzer bist und den Tritt in den Hintern brauchst, sei er auch digital.

Du solltest diese Herausforderung als das sehen, was sie ist. Versuch ihr keinen Nutzen abzugewinnen, den sie am Ende nicht liefert. Einen Löffel benutzt du auch nicht als Taschenlampe.

Es wäre naiv zu glauben, dass am Ende des NaNoWriMo für jeden Teilnehmer ein Kassenschlager steht, der wie aus einem Guss in die Presse des nächsten namhaften Verlags wandert. Scharen von Lektoren und zukünftigen Lesern paradieren am Fenster deiner Schreibstube vorbei und staunen, wie du das nur in so kurzer Zeit bewältigt hast. – Möp. Wird nicht passieren, sorry.

Ob du nun einen Roman, ein Theaterstück oder eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben hast: Am Ende steht immer das Überarbeiten und Kürzen. Wenn nicht, solltest du dringend deine Abläufe überdenken. Wenn doch, zügeln du dich musst, junger Padawan. Noch wird gar nichts korrigiert.

In der ersten Euphorie ist es nachvollziehbar, dass du dich diesen Schritten gleich widmen willst, nachdem du das „Ende“ ins Schreibprogramm gezimmert hast. Du erinnerst dich noch genau an jede Herleitung deines messerscharf kombinierenden Kommisars und selbst der verblassende Duft von Parfum am Leichenfundort weht noch vor deiner geistigen Nase. Ach, was hast du diesen verlassenen Strand mit den aschfahlen Pappeln genial beschrieben! Da kommt gleich die Gänsehaut zurück.

Aber was, wenn ich dir sage, dass jetzt der schlechteste Moment ist, um deinen Text zu überarbeiten?

Lass dein Buchprojekt aufatmen – und leg es beiseite

Gerade erfahre ich am eigenen Leib, welchen un–glaub–lich–en Nutzen es für mich hat, mit einem frischen Satz Augen auf einen Text zu schauen, den ich vor Monaten geschrieben habe.

Zugegeben, es handelt sich um meine Dissertation und damit um kein Romanprojekt. Ich glaube aber, dass die Regeln gleichermaßen für Wissenschaftler wie für Romanautoren oder Dramaturgen gelten.

Das einzige, was sich letztlich durch den Sprung zwischen den Gattungen ändert, ist der Inhalt. Die Routinen bleiben mit leichter Abwandlung dieselben. Die Frage ist also, musst du Abstand von deinen Thesen, deinen Interviews oder von deinem Protagonisten gewinnen?

Wenn du dein Buch weglegst, wirst du sicherlich an manchen Tagen zurückdenken, Handlungsstränge oder Argumentationsverläufe noch einmal durchspielen. Vielleicht sammelst du sogar im Geiste weiterhin Material, das für Kapitel 3 noch nützlich wäre. Gib diesem Drang auf gar keinen Fall nach! Wirst du wohl…? Kein Nachtisch für dich!

Du willst erreichen, dass dein Text dir fremd genug wird, dass du Details schon vergisst und dass er nicht mehr Teil deiner alltäglichen Gedankenabläufe ist. Ob du dafür physischen Abstand zum Text benötigst, dich nur ablenken musst, oder sogar ein neues Projekt anfängst, hängt von dir und deinem Arbeitsmodus ab.

Wenn du weißt, dass du einfach nicht die Finger vom Manuskript lassen kannst, lösch es von deiner Festplatte und gib einem guten Freund oder deinem Lektor solange die Sicherungen.

Warum wollen wir, dass unser eigener Text uns fremd wird? Ganz einfach: Kennst du diese Momente, in denen du gerade auf der Welle der Inspiration dem Sonnenuntergang entgegenreitest? Du freust dich so kindisch über ein historisches Fundstück oder eine Idee zu deiner Figur wie Pumuckl über einen Eimer Pudding in Glitzerpapier.

Und sicherlich enthält deine Story dann schon die Elemente, die sie braucht. Aber eben auch überflüssige, die sie unnötig verwässern. Es ist “viel Schönes dabei”, wie man so schön sagt. Aber wir wollen Schwarzwälder Kirsch, keinen matschigen Sandkuchen. Der zeitliche Abstand erlaubt dir, deinen Text später mit einiger Objektivität noch einmal neu zu beurteilen.

Du wirst zu einem besseren Kritiker deiner eigenen Texte, kannst Schwächen besser aufspüren und lernst wie nebenbei, worauf du beim nächsten Text von vornherein achten musst.

Oft genug wirst du dich – sofern du einigermaßen fähig zur Selbstkritik bist – über plumpe Patzer und wiederkehrende Formulierungen oder Alltagssprache ärgern, die dir vorher schlicht deshalb nicht aufgefallen sind, weil du knietief im Projekt stecktest.

Mach dich nicht unnötig selbst fertig. Du würdest auch nicht versuchen, mit dem Einrad die Tour de France zu fahren, während du auf dem Schoß Mikado spielst, oder?

Es fällt schwer, auf jedes erdenkliche Detail der Grammatik, des Stils und der Struktur zu achten, wenn du näher am Text bist als jeder spätere Leser. Niemand wird deinen Text jemals wieder so gut kennen wie du in dem Moment, in dem du ihn zum ersten Mal schreibst.

Und genau deshalb, damit du als Autor wachsen und dich weiterentwickeln kannst, ist es essentiell, dass du dich von dieser anfänglichen Romantik später lossagst.

Wie es sich anfühlt, dein Buch nach Monaten wieder zu lesen

Ich kann nicht für jeden sprechen. Schließlich stehe ich selbst noch am Anfang meines Autorenlebens und möchte das aktuell Erlebte aus den Erfahrungen rund um meine Dissertation nicht uneingeschränkt auf die Gefühlswelt aller Roman- und Sachbuchautoren des Planeten übertragen.

Ich denke aber, dass es gewisse Gemeinsamkeiten gibt, von denen auch du profitieren kannst und mit denen du rechnen darfst, wenn du dein Manuskript lange genug in die Schublade legst. Gerade als Neuling wirst du noch nicht wissen, was auf dich zukommt.

Den Tipp, das eigene Manuskript nach Abschluss erst einmal beiseite zu legen, kannte ich schon von Stephen King, Ernest Hemingway und anderen Autoren. Allerdings hat es der eng getaktete Uni-Alltag bislang nicht erlaubt, diese Regel wirklich zu befolgen.

Hier meine Eindrücke, die auch auf dich zukommen können.

Du wirst deinen eigenen Stil besser kennenlernen, wenn nicht sogar finden

Ich glaube behaupten zu können, in Sachen Sprachstil halbwegs routiniert im Sattel zu sitzen. Trotzdem finde ich dieser Tage immer noch ärgerliche Fehler, von denen ich objektiv wusste, dass sie in meinem Text nichts verloren haben. Dass sie im Text stehen, hat nichts mit fehlenden Grammatikkenntnissen oder mangelhaftem Verständnis sprachlichen Ausdrucks zu tun. Wenn’s doch nur so einfach wäre…

Vielmehr war ich – gerade kurz vor dem Einreichen und damit der mündlichen Prüfung – so nah am Text und all meinen Thesen, dass ich für so manches den Blick verloren habe.

Rechtschreibfehler waren beispielsweise nie ein großes Problem für mich. Sie kommen vor, aber ich frage mich nicht bei jedem zweiten Buchstaben, ob ich richtig liege. Dafür entdecke ich immer noch häufig „Worthänger“.

Ein besserer Begriff fällt mir an dieser Stelle nicht ein, aber die Neurolinguisten mögen mich erleuchten. Das Phänomen habe ich in meinem E-Mail-Kurs schon beschrieben. Eine Konjunktion, eine Verbform oder eine Floskel hält sich so lange im “Zwischenspeicher” deines Hirns, dass sie sich über die Seite verteilt zwei oder dreimal in deine Sätze einschleicht. Miese, kleine…****!

Auffällig wird das für mich dann nur, wenn ich zwei aufeinanderfolgende Sätze gleich anfange. Dieser Fehler ist so offensichtlich, dass er mir sogar mitten in der ersten Bearbeitungsphase auffallen würde und leicht zu eliminieren ist.

Um allerdings festzustellen, dass ich hier von „überlieferungsgeschichtlichen Analysen“ und einen halben Absatz weiter von „Überlieferung“ spreche oder in einer Fußnote dasselbe Prädikat gebraucht habe wie im zugehörigen Satz, weil ich die Fußnote später formatiert habe – dazu braucht es einigen Abstand.

Ich persönlich habe auch auf die wenigen Monate einen drastischen Umschwung in meinem eigenen Schreibstil bemerkt. Ein Dreivierteljahr Bloggen geht nicht spurlos an einem vorbei.

Und auch, wenn ich vorher schon auf Füllwörter-Jagd gegangen bin, fallen mir heute immer noch reichlich Kandidaten auf, auf die ich gerne nochmal anlegen würde. Auch“, wohl“, „ja“, „eigentlich“ sind neben hier“ oder aber“ die üblichen Verdächtigen. In der wissenschaftlichen Sprache fallen sie nicht ganz so sehr auf wie in der Werbesprache oder beim Copywriting. Trotzdem gibt es auch hier Grenzen.

Wenn du dich selbst also im Zuge des NaNoWriMo zum ersten Mal einem Romanprojekt gewidmet oder einer neuen Gattung zugewandt hast, kann ich dir nur dazu raten, den Text so lange ruhen zu lassen, bist du mit der Gattung besser vertraut bist.

In der Zwischenzeit wirst du weitere Texte kennenlernen und an deinen eigenen Fähigkeiten feilen, sodass der Erstentwurf später auf dich schon fast dilettantisch wirken wird. Sei gnädig mit dir selbst. Streiche, was zu streichen ist. Und später freust du dich darüber, dass du dir und dem Projekt die notwendige Zeit gegeben hast, um es deinem neuen Standard anzugleichen.

Dein Text wird dir vertraut sein, und doch fremd

Dieses Gefühl kann ich nur schwer beschreiben. Natürlich erkennst du deine eigenen Sätze auf der Seite wieder. Vielleicht erinnerst du dich sogar, ob es geregnet hat oder was im Hausflur passiert ist, als du sie geschrieben hast.

Trotzdem. Dein Text wird nicht mehr so vertraut sein wie im ersten Anflug von Kreativität.

Klingt zunächst wie der Horror auf Rollen, ich weiß. Im Prinzip willst du aber genau das! Denn dadurch legst du die rosarote Brille ab: Dir fallen unlogische Löcher im Plot auf, du bemerkst, dass deine Figur nie im Leben einen Chai Latte bestellt hätte oder dass du die Tante und den pampigen Nachbarn genauso zu einer Figur zusammenfassen könntest.

Wenn du keinen Roman geschrieben hast – wie meiner einer – bemerkst du Wiederholungen von Sachinformationen oder fehlerhafte Querverweise. Vielleicht wirkt die Definition in der Fußnote jetzt doch nicht mehr so sinnvoll wie damals, als du sie in der Bibliothek aufgestöbert hast.

Wird es dir leichtfallen, dich von diesen Passagen zu trennen oder sie umzuarbeiten? Natürlich nicht! Du hast hart daran gearbeitet, du bist mit deiner Argumentation oder deinem Plot vertrauter als mit manchem Verwandten.

Aber nimm den Rat von jemandem an, der sich kurz vor der Ziellinie von über siebzig Seiten Text getrennt hat: Hinterher wirst du sehen, wie dein Text aufblüht.

Weglegen heißt nicht, dass du gar nicht schreiben musst

Ich höre die Protestschreie schon, die mir entgegenschallen: „Und jetzt soll ich einfach für ein halbes Jahr die Füße hochlegen, oder was?“

Keineswegs. Auch hier hilft dir Stephen Kings Rat weiter, den ich hier dreisterweise einfach abkupfern werde: In der Zeit, in der du nicht an deinem aktuellen Projekt weiter schreibst, steht es dir natürlich vollkommen frei, ein neues Projekt zu beginnen.

Wenn du also wie ich das Ziel verfolgst, dir langfristig ein umfassendes Oeuvre aufzubauen und von mehreren Büchern zu profitieren, kommt dir mein Tipp nur entgegen. Schreib doch zwischen diesem und dem nächsten Roman eine Kurzgeschichte, bis du das erste Manuskript überarbeitest.

Und wenn nicht ganz so viel Workaholic in dir steckt, ist das keine Schande.

Nach dem Abschluss meiner Doktorarbeit habe ich mindestens zwei Wochen lang weder geschrieben noch gelesen. Danach habe ich mich langsam wieder an das tägliche Schreiben im Bullet Journal herangetastet, auch wenn ich dabei noch keine konkrete Idee für einen neuen Text verfolgt habe.

Mittlerweile überarbeitete ich die Dissertation, schreibe parallel hier auf dem Blog meine Beiträge und widme mich in den wenigen Stunden, die mir neben Kundenaufträgen noch bleiben, meinem ersten Theaterstück.

Wie du deinen eigenen Schreiballtag taktest und gestaltest, hängt also von dir, deinen persönlichen Präferenzen und deinem Job ab, sofern du von der Schreiberei (noch) nicht leben kannst oder willst.

Wähle ein Pensum, dass du langfristig aufrechterhalten kannst. Nur so stellst du sicher, dass das Schreiben für dich nicht mehr Pflicht und Qual als Spaß ist.

Ich persönlich habe immer diejenigen Autoren am meisten bewundert, die ein Leben lang in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen neue Werke veröffentlicht haben. Von One-Hit-Wondern halte ich vergleichsweise wenig.

Deshalb sieht auch mein Plan vor, nach dem Abschluss der Diss das Theaterstück fertigzustellen, dieses für einige Monate in die Schublade zu legen und während dieser Zeit ein Romanprojekt zu beginnen, dessen erste Züge jetzt schon in meinen Gedanken herumschwirren.

Wer weiß, vielleicht kann ich für diesen Roman den nächsten NaNoWriMo nutzen?

Auch dir kann ich deshalb nur raten, zwischen verschiedenen Projekten zu wechseln. Schreiben ist anstrengend. Du kannst es aber abwechslungsreicher und weniger stressig gestalten, indem du zwischen unterschiedlichen Inhalten und Stilarten wechselst. So bleibt es auch für dich spannend und abwechslungsreich und du ödest dich nicht irgendwann mit deinem eigenen Projekt an, sodass du es nachher gar nicht abschließt.

Wäre doch schade um das schöne Romanfragment!

Das was für heute, ein schneller Tipp aus der Autorenküche. Ich hoffe er hilft dir weiter und du findest die notwendige Geduld, um deinen Text ein wenig ziehen zu lassen. Gönn dir selbst etwas Ruhe und klopf dir auf die Schulter für ein abgeschlossenes Projekt! Die wenigsten schaffen es überhaupt bis zur Ziellinie.

Mach’s gut, wir lesen uns!

PS: Wenn Du jetzt fest entschlossen bist, Deinem Projekt den letzten Schliff zu geben, melde dich gerne bei mir! Im Romanlektorat rücken wir Deiner Story zu Leibe.

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