Du liest gerne und viel. Du verfolgst fleißig die Fachpresse, die Bestseller-Listen, Büchermessen und holst Dir sogar Lese-Empfehlungen von Freunden. Aber wie findest Du nun die Bücher, die man gelesen haben muss? Irgendwann werden ja Deine Enkel nach einem „wirklich guten Buch“ fragen.

Einer meiner Freunde löchert mich regelmäßig in Sachen Sprache und Literatur. Seine Überlegung: Ich als Germanist müsste wissen, was man gelesen haben muss. Also hat er mich nach meinen „Must-Reads“ gefragt.

Und ehrlich gesagt fielen mir spontan zig Autoren mit unterschiedlichen Begründungen ein. Manche Texte lese ich schließlich zur Inspiration, andere zur Information.

Nur hätte ich nicht mit einer Liste derjenigen dienen können, die man „einfach so“ kennen muss. Weil es sich gehört.

Ich habe nun mal einen Großteil meiner Studienzeit in der germanistischen wie anglistischen Mediävistik verbracht. Deshalb waren die spontanen Einfälle dadurch geprägt, was ich zuletzt gelesen hatte, was ich mit Blick auf die deutsche Sprache und Literatur für besonders maßgebend hielt und was mancher vielleicht sogar als Klassiker der Weltliteratur bezeichnen würde – Walther von der Vogelweide, der Parzival, Martin Luther

Heute würde ich die Frage anders angehen, zumal sie sich meines Erachtens aufteilen lässt.

Zum einen kann man die Frage nach einem Kanon stellen; zum anderen die, was man denn nun „lesen soll“. Auf beide werde ich heute versuchen einzugehen. Ich hoffe, im Austausch in den Kommentaren, E-Mails und in den sozialen Netzwerken etwas dazuzulernen.

Welche Bücher muss ich denn nun gelesen haben?

Ich enttäusche Dich nur ungern mit der ungeliebtesten Antwort seit Julius Cäsar, aber wie so oft kommt es drauf an.

Wenn es Dein Ziel ist, einen repräsentativen Querschnitt durch die deutschsprachige Literaturlandschaft zu lesen, fällt die Leseliste anders aus als für den Hobby-Fotografen, der sich in die Arbeiten von Robert Frank oder Ansel Adams hineinlesen will.

Ein Kanon kann sich dabei an verschiedenen Aspekten orientieren:

  • Epochen („Hochmittelalter“)
  • Autoren („Julian Barnes“)
  • Themen & Motiven („singende Vögel“, Liebesmotiv)
  • Gattungen („Kurzgeschichte“)

Bevor wir über Bücher sprechen, möchte ich kurz auf mein eigenes Leseverhalten eingehen. Auch hier gibt’s ständig Änderungen und Abweichungen. Deshalb ist der Abschnitt auch nicht als Vorschriftenkatalog zu verstehen. Allerdings habe auch ich mir diese Routinen bei anderen Lesern abgeschaut; vielleicht ist für Dich etwas dabei…

Ich folge bei meiner Leseroutine unterschiedlichen Zielen und lese zeitgleich mehrere Bücher, was nicht für jeden empfehlenswert ist. Aber ich hoffe, dass die Beispiele zeigen können, welcher Grundgedanke dahintersteckt.

Morgens Sachliteratur lesen

Am frühen Morgen gönne ich mir Sachliteratur, in der Regel zwischen 10 und 20 Seiten.

Mein Tag beginnt meist zwischen 5 und 6 Uhr. Fies, oder?

Das lässt mir aber Zeit für ein paar Seiten privater Lektüre, bevor die ersten E-Mails auf mich warten. Diese Bücher lese ich fast immer auf meinem Kindle Paperwhite*.

Warum morgens? Und warum Sachliteratur?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Idee von Hal Elrod geklaut. Morgens bin ich noch frisch und mein Verstand kann sich noch auf neue Ideen einstellen. Meistens greife ich um diese Zeit auf die verpönten Ratgeber zurück; es mag auch Historisches dabei sein.

Wenn ich eines im Studium gelernt habe, dann dass man eigentlich nie „fertig“ ist mit dem Lernen. Und so umfasst meine Bibliothek mittlerweile Bände zur Fotografie, Kalligrafie*, zu Winston Churchill*, Datenvisualisierung* und vielem mehr.

Wenn ich mich morgens schon in anderer Leute Gedanken hineingedacht habe, wird mein Tag auch produktiv.

Durch die Auseinandersetzung mit fremden Ideen kurble ich meine eigene Maschine an. Ohne Input kein Output.

Außerdem habe ich auf die Weise meinen „Soll“ für den Tag schon erfüllt. Deshalb muss ich mich nicht spät abends mit Schuldgefühlen herumplagen, weil meine müden Augen Tolstoi nicht mehr folgen können. Dieselbe Vorgehensweise kann ich auch Dir nur empfehlen.

Lesen ist wie Sport. Wenn Du’s morgens schon aus den Füßen hast, nimmst Du ein gutes Gefühl mit in den Tag.

Warum auf dem Kindle?

Das Germanistikstudium hat zwar einen absoluten Büchernarren aus mir gemacht, allerdings muss ich nicht zwangsweise jedes Buch ins Regal stellen.

Gerade Ratgeber und Sachliteratur geben mir einen bunten Mix aus Motivation und Lernerfolg. Nachdem ich die letzte Seite umschlage, will ich eigentlich schon neue Projekte beginnen. Allerdings blicke ich ungern auf die 300 Seiten umfassende Einführung in die Linux-Ubuntu-Distribution von 2003, während unter ihr mein Bücherregal ächzt.

Die Technik erlaubt uns nun mal, diese Bücher schnell als PDF oder Ebook zu konsumieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie dadurch durchsuchbar werden. Sollte ich mich also in ferner Zukunft an bestimmte Details nicht erinnern können, durchsuche ich die E-Books am Mac in der Kindle-App via Suchfunktion.

Abends sieht die Welt wieder anders aus. Es mag sein, dass E-Ink-Bildschirme die Augen weniger ermüden als LCD-Displays und dass die unschlagbare „Nicht-Funktion“ des Kindle* das Fehlen von Apps ist, die einen vom Lesen ablenken könnten.

Trotzdem ist für mich der späte Abend „analoge Zeit“.

Dann möchte ich also keine Tasten, Bildschirme und Benachrichtigungen in meiner Nähe haben. Deshalb bleibt auch der Kindle abends in der Ecke liegen. Sorry, Kindle!

Hörbücher zum „Überbrücken“

Nach dem Frühstück steht ein großer Spaziergang mit dem Hund an. Häufig läuft dann über die Kopfhörer ein Hörbuch aus der Audible- oder Librivox-App.

In seltenen Fällen schalmeit auch ein Podcast. Manchmal muss es auch totenstill sein, dann bleibt der Kopfhörer zu Hause. Damit der Hund nicht zu kurz kommt, müssen die Stöpsel zumindest für ein paar Minuten zwischendurch aus den Ohren. Allerdings kann ich so die Minuten im Straßenverkehr füllen, längere Runden gehen und gleichzeitig dazulernen.

Es passiert schon mal, dass ich beim Spülen, Autofahren oder Staubsaugen die Zeit mit Hörbüchern totschlage. So kommen über den Tag verteilt schon ein paar Stunden zusammen, wenn auch nicht jeden Tag.

“„Lies, um zu leben.“”

— Gustave Flaubert

Die Hörbuchauswahl ist dabei weit gestreut: Manche Titel und Autoren sind mir beim Kauf noch fremd. Sie fallen in die experimentelle Kategorie, die ich mal „ausprobieren“ möchte. Manchmal lade ich auch „Klassiker“ herunter, von deren dramaturgischer Aufarbeitung ich mir einen Mehrwert erhoffe.

Es kommt auch vor, dass ich Werke noch einmal höre, die ich vor längerer Zeit schon gelesen habe. Dann sind da diejenigen Bücher, die mich weniger interessieren, die aber empfohlen worden sind oder denen ein Preis verliehen wurde, den ich näher verfolge.

Da mag es vorkommen, dass ich ein paar Stunden opfere, um mich mit der Hörbuchversion vertraut zu machen, auch wenn ich das Buch nicht „gelesen“ hätte. Politikgeschichte oder Biografien fallen häufig in diese Kategorie. In diesen Fällen behandle ich die Hörbücher wie Dokumentationen. Alle anderen, die aus dem Schuldgefühl heraus lesen, in der Schule nicht gut genug aufgepasst zu haben – Hände hoch!

Das Hörbuch bleibt also reserviert für diejenigen Momente, in denen ich keine Bücher lesen könnte. Und durch das Audible-Abo kommt man günstig an Hörbücher, für die man sonst mehr zahlen würde.

Librivox ist zwar kostenlos, bringt allerdings zusätzlichen Aufwand mit sich. Die Suche nach Titeln hat etwas von erlebter Odyssee. Und am Ende ist auch nur bei jedem siebten Ei immer mal was dabei. Der Vorteil für den Liebhaber älterer Werke ist aber, dass aufgrund der Copyright-Rechte Klassiker gelesen werden, die im Audible-Katalog zu kurz kommen. Hier und da bezahlt man natürlich mit nicht ganz professionellen und ggf. sogar kapitelweise wechselnden Sprechern. Aber wer will meckern, wenn’s kostenlos ist?

Wenn ich tagsüber noch lese, geschieht das an einem LCD-Bildschirm, ob auf dem Tablet, dem Smartphone oder am Mac. Dabei handelt es sich dann selten um Ebooks. Blogs, Newsletter oder Zeitungen kommen hier zum Zug. Schließlich sind sie auf dem Kindle auch nicht optimal vertreten.

Abends Schmöker & Schinken lesen, aber auf Papier!

Abends geht’s – wenn auch nicht mit derselben Regelmäßigkeit wie morgens – an die Belletristik, Dichtung und Romane, old school! Ob Hardcover, Ledereinband oder Softcover, ist mir egal. Und was genau ich lese, hängt hier stark von Stimmung und „Zielen“ ab, die ich mir gesteckt habe. Dabei lese ich heutzutage selten ein Werk mehrmals; vielleicht, weil das zu Studienzeiten noch die Regel war. Jedenfalls ist abends die Lektüre dran, die sich weniger nach Arbeit anfühlt. Ausgleich muss sein.

Inhaltlich umfasst die Liste alles von mittelhochdeutscher Lyrik über Goethes Wahlverwandtschaften und Herman Melvilles Moby Dick bis hin zu Autoren der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit wie John Gardner, Julian Barnes oder Jochen Malmsheimer. Normalerweise folge ich dabei einem gewissen Rotationsverfahren, das sich grob an Epoche und Geografie orientiert. Mal ist ein römischer Autor wie Ovid oder Marc Aurel darunter, dann springe ich in die Moderne mit Grass und zurück zu Fischart.

In letzter Zeit habe ich viele „Klassiker“ gelesen, weil mir für diese in der Vergangenheit oft Zeit und Muße fehlten. Wenn es sich um englischsprachige Lektüre handelt, liegt auch der Notizblock daneben. Für all die Vokäbelchen, die man dazugelernt hat.

Digitale Dauerberieselung

Früher habe ich abends auch auf Hörbücher zurückgegriffen; in der Regel solche, die ich bereits kannte. Die Audible-Veteranen werden wissen, dass die App über einen Schlafmodus verfügt. Man hört also bis zum Ende des Kapitels oder für eine vordefinierte Zeitspanne, bevor die Aufnahme stoppt. Dieser abendliche Ausklang war reserviert für die Tage, an denen die Konzentration für das Lesen nicht mehr reichte. Daher blieb es bei bereits bekannten Hörbüchern. Ein Stück weit war das alte Angewohnheit aus Kindertagen, in denen ich abends die Augsburger Puppenkiste gehört habe, die mein Vater von LP auf Kompaktkassette überspielt hatte. Memories…!

““Flieg Fisch, lies und gesunde!””

— Jochen Malmsheimer

Meist habe ich dabei seichte, mir bekannte Hörbücher gehört: Häufig Mark-Uwe Kling, manchmal wieder Jochen Malmsheimer, Timur Vermes oder John Niven. Vor kurzem habe ich den letzten Schritt der Verbannung aller digitalen Gerätschaften aus dem Schlafzimmer vollzogen. Schließlich bringt es letztlich vergleichsweise wenig, dasselbe Buch immer und immer wieder zu hören, wenn dafür morgens die Konzentration fehlt, um neue zu lesen.

Die Entschuldigung, abends gelegentlich Hörbücher zu hören, hatte immer wieder zu endlosen Sitzungen des Scrollens durch eigentlich bekannte Videos und Posts geführt. – Ja, auch ich bin nicht frei von Sünde.

Das Smartphone hat also jetzt sein „Bettchen“ im Wohnzimmer und kann da nachts darüber nachdenken, was es Schlimmes getan hat. Und ich habe die Wahl zwischen Buch und Kopfkissen. Vielleicht reitet mich irgendwann der Teufel und ich digitalisiere die alte Aufnahme von Bilbo und seine Bande; wer weiß, wie weit die Nostalgie reicht. Aber auch die wird’s dann nicht mehr ins Schlafzimmer schaffen.

Könnte ich einen Autor auswählen für die sprichwörtliche einsame Insel?

Das könnte ich, aber auch das würde die Frage danach, was man lesen sollte, nicht klären. Womöglich würde ich einen Text auswählen, der etwas Allumfassendes an sich hat und zahlreiche Anspielungen auf andere Texte beinhaltet. Ob es dann aber den Parzival, Ulysses, Dantes Göttliche Komödie oder Moby Dick träfe, wäre eher dem Zufall überlassen.

So weit zu den Lesegewohnheiten des bibliophilen Literaturwissenschaftlers. Also was soll man nun lesen? Interessanterweise gehen ja viele davon aus, dass der Germanist die Weisheiten über das Lesen mit der Muttermilch aufgesogen hat. Ich will’s also mal mit einer Antwort versuchen.

Die Frage nach dem Kanon

Zunächst muss ich sagen, dass die Idee des Kanons (zumindest gefühlt) an Wirkung verliert. In der Hilfestellung, die sie einmal suggerieren konnte, hat sie jedenfalls nachgelassen. Die Vorstellung, mit einer abgeschlossenen, zeitlosen Liste die Literatur erfassen zu können, wird mehr und mehr zur Utopie. Jedes Jahr schwappen neue Unterkategorien von Genres in Sachliteratur und Fiktion auf den Buchmarkt; von übernatürlichen Vampirromanen bis hin zu Ratgebern, deren Nische so verschwindend klein wirkt. Man wundert sich schon, wie Autoren sich den Themen widmen konnten.

Doch Gleiches gilt auch für die mittlerweile veralteten Vorstellungen von Nationalliteraturen oder Literaturepochen, -bewegungen und -strömungen. Diese kommen selten mit einer unveränderlichen Leseliste daher. Selbst in mein Literaturstudium haben sich hier und da Neuerscheinungen eingeschlichen, die neben den „Klassikern“ diskutiert wurden; Shakespeare neben Julian Barnes.

Haben wir also keinen Kanon mehr? Oder gibt es jetzt mehrere?

Ja und nein. Anhand der Literaturgeschichte kann man beobachten, dass die Kanonisierung immer in Wellenbewegungen abläuft: Manche Epochen schreiben einen Kanon in immer neuen, aber immer gleich autoritativen Literaturgeschichten fest. In anderen Zeiten wird beinahe enzyklopädisch alles gesammelt, was die gesamte vorliegende Quellenlage hergibt, ohne Ansehen der Herkunft oder Qualität.

Man hat das Gefühl, dass wir die letzte große Welle der kanonisierenden Literaturgeschichten mit den 60er und 70er Jahren hinter uns gelassen haben. Und während viele im Internet Archive, auf WikiSource oder in akademischen Datenbanken fast blind Material zu sammeln oder kategorisieren scheinen, blühen zahlreiche Subkategorien mit je eigenem Kanon auf.

Spricht man einen Universitätsprofessor oder Deutschlehrer darauf an, wird er einen Kanon empfehlen können. Keine Frage. Die Notwendigkeit eines solchen Kanons erfolgt allerdings aus zweierlei Anlässen heraus: Entweder er dient dem Pragmatismus wie im Lehrbetrieb oder der Orientierung. Er ist also präskriptiv gegenüber dem noch unkundigen Leser oder sortiert die immer weiter anwachsende Literaturlandschaft vor, um dem suchenden Leser eine Hilfestellung zu bieten.

Und damit kommen wir der Beantwortung beider Fragen näher: Die Zeiten, in denen der Studiosus enzyklopädisch einen Kanon zusammenfassen und dem Laien an die Hand geben konnte, sind vorbei – sofern es jemals so simpel abgelaufen ist.

Der übergreifende mediale und technische Einfluss des Internets hat das Gefüge verschoben. Um ein zugespitztes Beispiel zu verwenden: Wir steuern geradewegs auf eine Zeit zu, in der es als lohnenswert erscheinen mag, eine Geschichte des vom Jazz beeinflussten historisierenden Horror-Romans zu verfassen. Die Kategorien, in denen wir Orientierung benötigen und suchen, werden immer kleiner und zudem durch Schlagwörter technisch durchleuchtet.

Das hat Konsequenzen für uns als Leser und deshalb sollten wir als Leser uns gegenüber der Idee des Kanons unterschiedlich verhalten, je nachdem, welchen Zweck er erfüllen soll:

Für Studenten und Wissenschaftler…

… wird es wohl immer einen Kanon der einen oder anderen Form geben. Zum einen ermöglicht er den Studenten seit der Geburtsstunde der Universität (und selbst in Zeiten des Internets) räumliche Mobilität; zum anderen ist es sinnvoll, die Methoden des Fachs an einem bereits diskutierten Kanon auszurichten. So bleibt der Umgang mit der Forschung, Diskussion und Rezensionen sichergestellt. Allerdings handelt es sich bei diesem Kanon nicht um eine in Stein gemeißelte Titelliste.

Es bleibt nicht aus, dass sich die Wissenschaft immer wieder mit der Kanonisierung und den ihrem Kanon anhaftenden Wertvorstellungen auseinandersetzt. Diese Notwendigkeit liegt in ihrer Natur.

Fürs erste wird der Literaturwissenschaftler ruhigen Gewissens von Köln nach Wuppertal wechseln können, ohne sich große Gedanken um eine rudimentäre Auswahl behandelter Werke sorgen zu müssen, wenn die Werkauswahl im einzelnen auch abweichen mag. Das bedeutet aber auch, dass das Verständnis des Kanons notwendigerweise (und teils unausgesprochen) epochenabhängig ist.

Anders als der „Student“ des Hochmittelalters muss der heutige keinen Katalog konkreter Titel abarbeiten, die als relevant angesehen werden. Vielmehr steht ein Titel häufig für ein Konglomerat von Titeln, die man ebenfalls hätte behandeln können. Man bespricht Moby Dick als Teil des American Romanticism, hätte aber ebenso gut Emerson oder andere behandeln können. Der Student und spätere Wissenschaftler entwickelt eine wesentlich differenziertere, wenn auch unausgesprochene Idee davon, was man als Kanon ansehen kann.

Für die Liebhaber eines bestimmten Genres…

… steht der Kanon eigentlich schon. Vielleicht haben sie in der Schule den Zauberlehrling oder den Erlkönig besprochen. Nur finden sich diese heute nicht in ihrem Regal wieder. Die schiere Auswahl des Literaturmarktes erlaubt es heutzutage jedem einzelnen, seine persönliche, noch so kleine Nische zu finden. Und wenn noch nicht darüber geschrieben worden ist, ist es womöglich nur eine Frage der Zeit. Hier wird der Kanon anders definiert.

Die Leser definieren ihre eigenen Maßstäbe. Sei es, dass sie einem bestimmten Autor ein Leben lang treu verbunden bleiben, dass sie die Biografien aller Jazz-Musiker lesen oder ein Genre wie Geistergeschichten verfolgen.

Neue Autoren haben uns gezeigt, dass literarische Werke förmlich zu Marken und Fan-Kults werden können: Man denke an Harry Potter, Game of Thrones oder den Herrn der Ringe. Und wenn die jeweilige Reihe einmal endet, herrscht trotzdem selten Knappheit an Lesestoff, da wir bedient werden von Fan-Fiction und Autoren der Kategorie „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...“.

Für Neugierige und Unentschlossene…

… gibt es mehrere Kanons (jawohl, das ist der korrekte Plural!). Manch einer mag sich durch die Spiegel-Bestseller lesen, der nächste wählt die New York Times. Hier liest jemand ein paar Werke aus der Wiener Moderne, dort einer diejenigen der letzten Literatur-Nobelpreisträger. Vielleicht liest man aus Spaß ein ganzes Wörterbuch (wie Ammon Shea, der in seinem autobiografischen Band über dieses skurrile Experiment berichtet*) oder man liest alle Gedichte, in denen ein Vogel vorkommt. Hier geht es nicht darum, die bedeutendsten Bücher aller Zeiten zu finden, sondern Spaß an der Nische zu haben.

Zu dieser Gruppe zähle ich mich in den meisten Fällen selbst. Hier ist die Lektüre nicht immer Privatlektüre. Es muss aber auch nicht gleich Arbeit sein und vor allem muss man vorher nicht immer wissen, welches von beiden es sein wird. Neulich habe ich einen Band zur Geschichte des Jazz gelesen. Die Auswahl war beliebig und folgte keinen besonderen Kriterien. Ich wollte einfach mehr über Jazz lernen, abgesehen von dem praktischen Wissen, welches ich im Schlagzeugunterricht erworben hatte.

Der Band enthielt Hörempfehlungen, die – Stichwort Kanon – besonders bestimmend für Bebop, Free Jazz und andere Strömungen sein sollten. Einige davon habe ich mir tatsächlich auch später angehört. Im Laufe der Lektüre ging es mir allerdings weniger um die Fakten, sondern um den sprachlichen Stil, mit dem die Musiker und ihr Schaffen beschrieben wurde. Immerhin lassen sich gute Musikhistoriker stilistisch immer ein wenig von ihrem Thema selbst inspirieren. Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt…

In den meisten Fällen bestimmen wir unseren Kanon und unsere Leseliste selbst. Und es gehört dazu, diese zu erweitern, sich durch die Lektüre anderer, verliehene Preise, Literaturgeschichten oder Autorbiografien beeinflussen zu lassen. Letztlich gehört die Literatur zu unserer Gesellschaft und Kultur dazu und diesen Punkt sollte man nie aus den Augen verlieren. Teile Bücher, Zitate, Leseempfehlungen und Bücherlisten mit Freunden, Verwandten und Bekannten! Wer nur im stillen Kämmerlein vor sich hin liest, hat den besten Teil der Lektüre verpasst.

Wer steht auf Deiner Leseliste? Und warum? Wer sind Deine Lieblingsautoren? Welches Medium bevorzugst Du, Kindle, Hörbuch oder das traditionelle Buch? Lass es mich wissen, in den Kommentaren, per Email oder auf Facebook, Twitter & LinkedIn!

Danke für Dein Vertrauen in meine aufrichtige und fachkundige Meinung zu Informationen und Produkten, die Ihnen in Zukunft weiterhelfen oder auch schlichtweg unterhalten. Gerne stelle ich solche Informationen denjenigen, die davon profitieren können, zur Verfügung. Links, die mit einem * gekennzeichnet sind, sind Affiliate-Links. Als Leser meines Blogs erlaubst Du mir, weiterhin Zeit und Aufwand in meine Website und Beratung investieren zu können, indem Du mir durch den Kauf über den Link eine kleine Provision zukommen lässt. Dadurch hast Du natürlich keinen Nachteil und es entstehen für Dich keine zusätzlichen Kosten. Manchmal sparst Du sogar durch einen von mir arrangierten Rabatt! Ich verlinke ausschließlich Produkte und Seiten, von denen ich selbst überzeugt bin.

Weiterlesen

Googles künstliche Intelligenz und das zukünftige ... Vor einigen Wochen hat Google ein neues Projekt vorgestellt, welches anstrebt, unsere alltäglichen Gespräche besser zu verstehen und gestützt durch kü...
Buchtipp: Erasmus von Rotterdam – Das Lob der Torh... Eine etwas andere 'Rezension'... Ich bin direkt zur Quelle gegangen und habe einen kleinen Plausch mit meiner alten Freundin, der Torheit gehalten. Hi...
Schreiben am Stehpult – Vorteile und Erfahrungen Wie man der Idee #AnalogerApril und den Beitragsthemen der letzten Wochen anmerkt, bin ich daran interessiert, meine Routinen beim Schreiben ständig z...

Pin It on Pinterest

Shares
Share This

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen