Auch außerhalb der Literatur und Wissenschaft können Zitate viele Funktionen einnehmen und unser Leben bereichern. Daher möchte ich Dir heute zeigen, wie Du Zitate zwecks Inspiration in Deinen Alltag einbinden kannst. Anschließend stelle ich Dir ein paar meiner Lieblinge vor. Und wenn ich im anschließenden Austausch ein paar weitere kennenlerne, umso besser…!

Wie Zitate Dir zu Inspiration im Alltag verhelfen

Lassen wir mal die Gruppe von Zitaten außen vor, die im Journalismus oder in der Wissenschaft kursieren. Dann bleibt wahrscheinlich der große Restbestand der „inspirierenden Zitate“, die uns ständig in den sozialen Netzwerken begegnen. Vielleicht gehörst Du auch zu denjenigen, die schon für eine Geburtstagskarte oder eine SMS lustige Sprüche gegoogelt hast. Die gefallen uns natürlich und wir teilen sie fleißig weiter. So weit, so gut. Also haben wir sie doch eigentlich sowieso schon in unserem Leben, oder nicht? Nun ja…

Es kommt darauf an, welchen Zweck ein Zitat für Dich erfüllen soll. Wenn es sich beispielsweise um einen witzigen Kurzdialog aus der letzten romantischen Komödie handelt – und ich kann nicht glauben, dass mein Sprachzentrum mir an dieser Stelle den Begriff „rom com“ hingespuckt hat – dann wird das selten ein Zitat sein, das im Alltag Anwendbarkeit oder Inspiration verspricht, geschweige denn, Dich motiviert, wenn Du mit Schicksalsschlägen oder Kritikern umgehen musst. Es gibt keinen Appell, keine Moral, kein Ideal, dem man folgen will oder sollte.

Doch es gibt genügend Gegenbeispiele; Zitate, die uns im täglichen Leben ermutigen, anregen und inspirieren können.

Wann bringt ein Zitat Inspiration?

Hier könnte ich lang und breit über die Etymologie des Wortes Inspiration referieren, vom Geist, der durch die Worte weht, etc. pp. Ich gehe das Ganze weniger philosophisch an. Zitate empfinde ich als inspirierend, wenn sie…

  1. … mir eine neue Perspektive auf Bekanntes eröffnen,
  2. … komplexe Zusammenhänge auf den Punkt bringen, sodass ich sie verinnerlichen kann, oder
  3. … Tätigkeiten so strukturieren, dass die Beschreibung mir bei deren Ausübung hilft oder deren Ergebnisse verbessert.

Ein Zitat, dass in eine dieser Kategorien fällt, mag es durchaus an meine Pinnwand oder in einen Bilderrahmen schaffen. Vielleicht hast Du ja ähnliche Kategorien oder suchst nach Zitaten bestimmter Themenbereiche. In dem Fall wirst Du sehr schnell vergleichbare „Regeln“ für Dich selbst formulieren können.

Es mag auch viele gut geschriebene Filme geben, die mit Sentenzen, motivierenden Reden und Lebensweisheiten aufwarten können; nur bin ich mehr Leseratte als Filmkenner, auch wenn ich die eine oder andere Filmszene rückwärts flöten kann. Deshalb gibt es für mich die feine – aber nicht strikte – Grenze zwischen literarisch-philosophischen und Filmzitaten (Man möge mich gerne eines besseren belehren; ich bin gespannt, welche Filmzitate da folgen).

Die Zitate aus der Philosophie und der Literatur bringen nun unterschiedliche Abstufungen der Anwendbarkeit für den Alltag mit sich.

Inspiration durch das Streben nach Idealität in der Philosophie

Viele Philosophen streben per Selbstdefinition nach einem besseren oder idealen Leben, wie auch immer dieses im Einzelfall definiert wird. Mal geht es um die Beziehung zu Gott, mal um die zur Gesellschaft, um Pflichterfüllung, Selbstverwirklichung oder Ernährung.

Wie auch bei meinen Lieblingsautoren neige ich nicht dazu, die Werke eines Philosophen immer wieder zu lesen. In den ersten Studienjahren konnte ich mich beispielsweise sehr für Nietzsches ironische Sprachkritik begeistern. Ironie weiß ich auch heute noch zu schätzen, nur würde ich vermutlich keine Gesamtausgabe des guten Friedrich verdauen wollen.

Beispiel: Marc Aurels Selbstbetrachtungen

Ein anderer Philosoph, den ich tatsächlich mehrfach gehört und gelesen habe – Stichwort Hörbuch – ist Marc Aurel. Als im Dezember 2016 mein Vater verstarb, war es Zufall, dass ich mir gerade eine Ausgabe der Selbstbetrachtungen angeschafft hatte. Vorher hatte ich in einer Reportage über Helmut Schmidt davon gehört, dass er die Ausgabe immer wieder gelesen habe. Und ganz gleich, was ich von Helmut Schmidt halte, das klang für mich nach einem zumindest gehaltvollen Buch. Im Dezember also hatte ich eigentlich am wenigsten Lust, irgendetwas zu lesen. Deshalb blätterte ich ein bisschen in der Ausgabe herum und hörte mir eine Hörbuchversion der Selbstbetrachtungen an.

Ich kann zwar nicht behaupten, dass mir das Buch die Augen geöffnet hat, dass nichts mehr so war wie früher, dass der Himmel aufbrach und ich erleuchtet wurde… Aber ich habe mir damals viele Zitate aufgeschrieben und wiederholt durchgelesen, die sich mit der Gelassenheit gegenüber dem Unveränderbaren befassten. In dieser Situation haben viele der Zitate für mich die Welt um mich herum vereinfacht und mir neue Perspektiven eröffnet.

Habe ich allem zugestimmt, was ich im Buch gefunden habe? – Sicher nicht. Und ja, ich weiß auch von den Christenverfolgungen unter Marc Aurels Regie. Um die ging es aber in diesem Moment für mich nicht. Das Buch wurde zum Ratgeber; ich wollte keine historische Quelle lesen.

Doch das nur als kleines Beispiel für die philosophischen Zitate. Sicher ist für jeden philosophischen Geschmack etwas dabei, wenn man Inspiration bei der Lebensführung oder in anderen Belangen sucht.

Zitate über das Schreiben

Zugegeben, diese Kategorie ist nicht für jeden geeignet. Einige wenige Autorenzitate können auch allgemeine Anwendung finden. Man denke nur an all die Oscar-Wilde-Zitate in den Vorworten dieser Welt! Die meisten sind allerdings von Autoren für Autoren verfasst. Und ganz gleich, an welchem Punkt man sich befindet – angehender Romanautor, Student, Journalist – ein paar Leitfiguren und -sätze sollte man haben.

Das Schöne an diesen Sentenzen über das Schreiben selbst ist, dass sie gleichzeitig einen allgemeinen Bezug zum Leben und einen praktischen zur schreibenden Tätigkeit haben.

Natürlich geben manche Autoren wie Hemingway so „vielsagende“ Hilfestellungen wie die, zum Schreiben nichts weiter tun müssen, als sich an die Schreibmaschine zu setzen und zu bluten. Wieviel Blut genau es sein muss, bis man einen Roman fertig hat, teilt der gute Ernest leider nicht mit.

Ganz gleich, ob Du aber bei Hemingway suchst oder bis zu Quintilian zurückgehst, Du findest immer wieder Zitate zu täglichen Arbeitsroutinen, stilistischen Idealen, Metaphern, usw.

Das Zitat muss nicht immer beschreibend sein, es kann mimetisch beschreiben, d. h. die Aussage eher vorführen als zu umschreiben.

Während ich meine Bachelor- und Master-Thesen verfasst habe, hatte ich beispielsweise Zitate der zu analysierenden Autoren über dem Schreibtisch angebracht, die mein Argument auf den Punkt brachten.

Meine (momentanen) Lieblingszitate – Nicht nur Sprüche zum Nachdenken

Die Zitate, mit denen ich tatsächlich meine eigenen vier Wände dekoriere, wechseln in unregelmäßiger Taktung. Derzeit zieren meinen Schreibtisch drei Zitate, die ich der Lektüre der letzten Wochen verdanke. Ich habe mich wieder den englischsprachigen Autoren zugewandt und u. a. Thomas E. Ricks Band über Churchill und Orwell* gelesen. Wenn auch der Pulitzer-Preis ursprünglich mein Interesse geweckt hatte, erwähnt Ricks den einen oder anderen Satz über Orwells stilistische Vorgaben in Politics and the English Language und Why I Write. Beide Aufsätze habe ich nach dem Buch verschlungen, zumal sie kostenlos im Netz verfügbar sind.

Orwells Stilvorgaben für Autoren

Mein erstes Zitat stammt aus Politics and the English Language. Für diejenigen, die im Englischen nicht ganz sattelfest sind, liefere ich eine sinngemäße Übersetzung mit. Der Titel lässt ein sehr politisches Leitthema vermuten, aber das täuscht. Orwells Verständnis vom Einfluss der Politik ist sehr weit definiert. Und so enthält sein Artikel auch einige stilistische Vorgaben, die jeder Autor gebrauchen kann:

  1. Never use a metaphor, simile, or other figure of speech which you are used to seeing in print. (Benutze niemals eine Metapher, einen Vergleich oder eine andere Stilfigur, die dir aus Texten geläufig ist.)

  2. Never use a long word where a short one will do. (Benutze nie ein langes Wort, wo auch ein kurzes ausreicht.)

  3. If it is possible to cut a word out, always cut it out. (Wenn es möglich ist, ein Wort zu kürzen, kürze es grundsätzlich.)

  4. Never use the passive where you can use the active. (Benutze niemals Passiv, wenn es möglich ist, Aktiv zu verwenden.)

  5. Never use a foreign phrase, a scientific word, or a jargon word if you can think of an everyday English equivalent. (Benutze niemals ein Fremdwort, einen wissenschaftlichen Begriff oder Jargon, wenn dir ein entsprechendes Wort der Alltagssprache einfällt.)

  6. Break any of these rules sooner than say anything outright barbarous. (Brich jede dieser Regeln, bevor Du etwas „absolut Barbarisches“ sagst.)

Die Frage, wann man etwas „Barbarisches“ schreibt, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Ansonsten bringen diese Sätze aber sehr gebündelt auf den Punkt, was man anderenorts über mehrere Seiten verstreut findet. Und auch wenn hier nicht alles enthalten ist, gefällt mir dieser handliche Leitfaden für den Alltag.

Welche Art Autor willst Du sein?

Das zweite Zitat stammt ebenfalls von Orwell – und nein, ich bin eigentlich kein besonderer Orwell-Fan; wie gesagt, die Zitate sind der letzten Lektüre geschuldet. Hierin beschreibt George Orwell, welche Art von Romanen er sich vor dem eigentlichen Verfassen als Ziel gesetzt hat. Der Übersetzungsversuch stammt wieder von mir:

I wanted to write enormous naturalistic novels with unhappy endings, full of detailed descriptions and arresting similes, and also full of purple passages in which words were used partly for the sake of their own sound.

(Ich wollte enorm naturalistische Romane schreiben, mit unglücklichen Ausgängen, voll von detaillierten Beschreibungen und fesselnden Vergleichen, aber auch voll von hochtrabenden Passagen, in denen die Worte teils um ihres Klangs willen gebraucht werden.)

Hierbei ging es mir weniger um Regeln oder praktische Anwendbarkeit. Ich finde bemerkenswert, wie konkret der Autor hier sein eigenes Genre ausgemalt hat. Das Zitat ist weniger ein Merksatz als indirekte Aufforderung und Mahnung zugleich: Wenn Du schreibst, solltest Du das Ziel vor Augen behalten. Und dieses Ziel sollte so konkret wie möglich sein. Fast haben Orwells Sätze etwas von einer Affirmation, nur dass sie eben rückblickend verfasst sind. Trotzdem bringen sie für mich das, was ich unter Inspiration verstehe, auf den Punkt.

Garners Martini trinkende Skateboarder

Neben Orwell hängt Helen Garner… Also nicht sie selbst, Gott sei Dank… Aber ein sehr schönes Zitat, wenn auch mit etwas weniger Pathos. Auch hier liefere ich die deutsche Fassung mit:

I suppose there must be idiots who dream of signing deals with publishers while fully intending to drink martinis in cool bars or ride around on skateboards. But the actual writers I know are experts in neurotic self-torture. Every page of writing is the result of a thousand tiny decisions and desperate acts of will.

(Ich schätze, es muss Idioten geben, die davon träumen, bei Verlagen Verträge zu unterschreiben, mit der vollen Absicht, Martinis in coolen Bars zu trinken oder auf Skateboards herumzufahren. Aber die tatsächlichen Autoren, die ich kenne, sind Experten in Sachen neurotischer Selbstfolterung. Jede Seite ihrer Niederschrift ist das Ergebnis von tausend kleinen Entscheidungen und verzweifelten Willensakten.)

Garners Zitat ist mir zufällig im Netz begegnet. Mir gefällt daran, wie konkret sie die Vorstellungen der „Möchtegern-Autoren“ beschreibt. Was ihres von vielen Autorzitaten abgrenzt ist aber auch, dass sie es nicht pathetisch bei der Selbstfolter belässt wie Hemingway. Sie gibt zumindest den kleinen Einblick in all die kleinen Arbeitsschritte, die das Schreiben mit sich bringt. Mehr Praxis als schwebende Inspiration durch eine vergeisterte Muse, aber immerhin.

Es gibt zahlreiche Autoren, die ihre eigenen Gedanken zum Prozess des Schreibens, zum Stil oder Arbeitsbedingungen festgehalten haben. Auch hier hast Du die Qual der Wahl und solltest Dich – neben den klassischen Rhetoriken – vom eigenen Geschmack beeinflussen lassen, wenn Du Zitate suchst.

Weitere Quellen der Inspiration: Tagebücher, Briefwechsel, Sammelbände

Du kannst zu Tagebüchern und Briefwechseln greifen wie bei Goethe, John Keats oder Thomas Mann; Du findest auch bei einzelnen Autoren ganze Bände zum Schreiben selbst, wenn auch manchmal nachträglich kompiliert.

Autoren, die in die Fußstapfen von Stephen King treten wollen, werden z. B. bei On Writing* fündig; die kürzlich verstorbene Ursula K. Le Guin hat gleich mehrere Bände über das Schreiben verfasst, darunter Steering the Craft*. Und wenn Du die nützlicheren Weisheiten Ernest Hemingways kennenlernen willst, kann ich Dir wärmstens Ernest Hemingway On Writing* ans Herz legen. Ich habe mir den Band damals in Key West bei der Besichtigung seines Hauses besorgt und werfe immer mal wieder einen Blick hinein.

Das waren also meine Zitate, zumindest für den Moment. Haben sie Dir gefallen? Bei welchen Autoren holst Du dir Inspiration? Und wie hältst Du die Zitate fest, im Notizbuch, an der Pinnwand, im Bilderrahmen? Ich bin gespannt auf Deine Zitate! Teil sie mit mir in den Kommentaren oder auf Facebook und Twitter!

Ich seh‘ schon, Dir fehlt etwas…

Falls Du Zitate sammelst, weil Du wie ich gerne und viel schreibst, brauchst Du meinen Email-Kurs zum Schreiben und zu erfolgreicher Textverarbeitung. Glaub‘ mir. Du brauchst ihn. Du wirst Dich besser fühlen und nach Rosen Duften… Nicht ganz. Aber was lernen bestimmt!

Weiterlesen

Buchtipp: Erasmus von Rotterdam – Das Lob der Torh... Eine etwas andere 'Rezension'... Ich bin direkt zur Quelle gegangen und habe einen kleinen Plausch mit meiner alten Freundin, der Torheit gehalten. Hi...
Schreiben am Stehpult: Drei Erfahrungen und ein Zu... Wie man der Idee #AnalogerApril und den Beitragsthemen der letzten Wochen anmerkt, bin ich daran interessiert, meine Routinen beim Schreiben ständig z...
Lieblingsautoren. Was liest Du? Die Frage oder Aufforderung, mit der sich wohl jeder Germanist und Vielleser einmal konfrontiert sieht, ist die nach "Büchern, die man gelesen haben m...

Hi, ich bin Florian. Ex-Mediävist, Blogger, Copywriter, Autor. Viele Worte für ein und dasselbe. Auf meinem Blog und im E-Mail-Kurs teile ich Tipps zum Autorenleben, zu gutem Copywriting und dem Schreiben allgemein.

Besser schreiben in nur 3 Wochen?

Hol Dir den E-Mail-Kurs und ich schicke Dir Tipps zu besserem Stil, Deinem Schriftsatz, Backups und allem, was zum Autorenleben gehört.

Erlaubnis zum Marketing

Willkommen im Club! Wir sehen uns in Deinem Posteingang!

Pin It on Pinterest

Shares
Share This

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen