Vor einigen Wochen hat Google sein neues Projekt Talk to Books vorgestellt. Ziel ist, unsere alltäglichen Gespräche durch künstliche Ingelligenz besser zu verstehen und – so ganz nebenbei – ein Gespräch mit 100.000 Büchern zu führen. Ich weiß, es klingt verrückt.
Deshalb möchte ich heute einen Blick darauf werfen, wie Googles neues Experiment das Verhältnis des Lesers zu seinen Büchern wie auch das Autorenleben langfristig beeinflusst.

Was tut die künstliche Intelligenz in Google Talk To Books?

In den vergangenen Jahren hat Google Änderungen an seinen Algorithmen vorgenommen, die dem Such-Giganten erlauben, durch künstliche Intelligenz natürliche Sprache besser zu verstehen. Bislang zielten diese Teilprojekte auf alltägliche Situationen des Business-Alltags ab, wie z. B. das Erstellen von Terminen über einen Sprach-Assistenten oder Antworten im E-Mail-Client.

Mit Google Talk to Books hat sich das geändert, weil die Suchmaschine nicht mehr strikt zwischen kulturellen Projekten wie dem Google Art Project und alltagsorientierten Apps wie Google Photos unterscheidet.

Im Hintergrund hat Google versucht, immer relevantere Ergebnisse zu liefern. Oft genug spielt der Kontext der jeweiligen Suche eine größere Rolle als es der Nutzer realisieren mag.

Google will unser natürliches Verhalten und unsere Sprachmuster nachvollziehen, sodass seine künstliche Intelligenz sie nachvollziehen und simulieren kann. Wie äußert sich dieses Bestreben nun im neuem Projekt, der Semantic Experience, von der das Talk-To-Books-Projekt ein Teil ist?

Google Books vs. Google Talk To Books

Zunächst sollte man unterscheiden zwischen der Such nach Büchern über Google Books, die es seit Jahren gibt, und Google Talk to Books. Google Books sucht nach konkreten Zitaten, Autoren oder Belegstellen, die zur jeweiligen Suche passen, und das in den meisten Fällen wortwörtlich.

Das neue Projekt weicht davon vollkommen ab, wie Google auf seiner eigenen Seite erläutert. Anstatt Belegstellen zu liefern, versucht Talk to Books, die Interaktion mit der Suchmaschine wie den Austausch mit einem menschlichen Gesprächspartner wirken zu lassen.

Auch wenn damit das Thema der Literatur nicht vollkommen vernachlässigt wird, rückt die Struktur der Sprache in den Vordergrund.

Richtig nach Büchern suchen

Auf der Seite des Projekts wirst Du Beispiel-Suchen finden, die zeigen, wie eine zukünftige Suche bzw. ein Gespräch mit den 100.000 Büchern, die Google bereits für dieses Projekt gescannt hat, aussehen könnte.

Die Suche danach, welcher Geruch schöne Erinnerungen wachruft, führt zu Belegstellen aus Ratgebern wie aus Romanen. Allerdings sollte man nicht auf die Klassiker der Weltliteratur wie Proust hoffen. Schließlich geht es, anders als bei der Büchersuche, nicht um repräsentative Ergebnisse. Der Austausch soll menschlich wirken. Das kann unter anderem dazu führen, dass Suchergebnisse – oder vielmehr “Austausch-Ergebnisse” – weniger zum jeweiligen Suchbegriff passen.

Wie schon die Bücher-Suche, die nicht nur rechtliche Probleme mit sich gebracht hat, sondern auch unser Verhältnis zu Büchern, Belegstellen und zur Recherche verändert hat, so wird auch dieses Projekt oder einer seiner Nachfolger langfristig die Beziehung zwischen Autoren und Lesern und das beiderseitige Verhältnis zur Literatur langfristig verändern.

Was ändert sich für den Leser?

Selbstverständlich wird sich durch dieses Projekt die eigentliche Lektüre nicht ändern. Wir wissen aber schon jetzt, dass unsere heutige Art zu lesen stärker von Skimming und Scanning geprägt ist und wir auch offline anders lesen als noch vor 100 Jahren. Das bündige Lesen hunderter Seiten im stillen Kämmerlein gehört mehr und mehr der Vergangenheit an, ob man dieser Tatsachen nachtrauert oder nicht.

Was sich aber für die Leser erneut ändern wird, ist die Art und Weise, durch die sie neuen Lesestoff finden.

Vor dem Zeitalter der Suchmaschinen waren das Leseempfehlungen von Freunden oder ein von Experten festgelegter Kanon, den es abzuarbeiten galt. Über die Jahre haben Feuilletons und Literaturmagazine Konkurrenz von den Top-Listen sozialer Netzwerke und Suchmaschinen sowie den dahinter stehenden Algorithmen bekommen.

In Zukunft noch mehr künstliche Intelligenz?

Ich halte es für denkbar, dass Google oder einer der Konkurrenten des Such-Giganten es schafft, den Austausch mit künstlicher Intelligenz so zu gestalten, dass wir Leser uns daran gewöhnen. Auf die Art werden wir eine weitere Entdeckungsmöglichkeit für unsere private und berufliche Leseliste hinzugewinnen.

Ob und inwiefern sich dieses Verhalten bei Lesern im Unterbewusstsein verankern wird, kann wahrscheinlich nicht einmal Google abschätzen.

Ich persönlich befürchte im Gegensatz zu manch anderem deutschen Journalisten oder Blogger weniger die totalitäre Übernahme künstlicher Intelligenz und Googles Invasion auf unsere Kultur.

Vielmehr sehe ich Projekte wie Google Talk to Books als eine Bereicherung, die langfristig einen weiteren medialen Zugang zu Inhalten schaffen kann. Inwieweit diese Bereicherung eine Anpassung der Inhalte erfordert, muss die Zeit zeigen.

Ein Computer bringt nicht per Definition Schlechtes hervor. Auch trägt er nicht aus Bosheit zur allgemeinen Verdummung bei. Deshalb glaube ich nicht, dass der Einfluss künstlicher Intelligenz auf uns als Leser und den Literaturbetrieb per se schlecht ist. Andererseits möchte ich keine Prognosen darüber anstellen, wie sich dieser Einfluss im Einzelnen niederschlagen wird. Letztlich können wir selten adäquat vorhersehen, zu welchen Resultaten die Kombination menschlicher und künstlicher Intelligenz führen.

Kurz: Die Zeit wird es zeigen.

Was ändert sich durch Google Talk to Books für Autoren ?

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem Buchautor. Wir sprachen über die Relevanz von Anhängen und Registern im wissenschaftlichen Literaturbetrieb.

Allerdings ging er mit einer völlig anderen Perspektive an die Sache heran als ich. Für mich bedeutete “Relevanz”, dass eine Privatperson, die den Forschungsbetrieb nicht aktiv verfolgt, die Möglichkeit besitzt, für sie relevante Texte über Suchmaschinen zu entdecken. Hiermit meine ich nicht nur Google, nur um das klarzustellen. Voraussetzung hierfür ist die Veröffentlichung für die allgemeine Öffentlichkeit, die mittlerweile als wissenschaftlicher Standard bezeichnet werden kann.

Eine andere Definition von Relevanz, wie sie mein Gesprächspartner formuliert hat, ist die der Akzeptanz oder Rezeption innerhalb wissenschaftlicher Kreise.

Relevante Bücher finden – aber was ist relevant?

Ganz gleich, für welche Definition man sich entscheidet; egal, ob man eine andere formulieren wollen würde, eines muss man anerkennen: Jede Relevanz einer Publikation hängt langfristig auch von ihrem Erscheinen in Suchergebnissen ab. Das schließt fachwissenschaftliche Online-Register genauso ein wie Google, Yahoo & Co.

Hier kommen für mich die Register im eigentlichen Buch ins Spiel: Im Prinzip spielen Sachbuchautoren seit Jahren den Suchmaschinen und deren logischem Vorgehen zu, und das meine ich nicht negativ. Das Register erlaubt dem Leser eines Sachbuchs den schnellen Zugang zu der Information, die er gerade benötigt.

Zufallsfund

Was selten bedacht wird: Diese Informationen stehen nun auch dem Suchenden zur Verfügung, der gar nicht nach Büchern gesucht hat, sondern nach anderen Medien. So bieten Indizes und Schlagwortregister die Möglichkeit der zufälligen Entdeckung.

Sei es, dass ein Autor, den man gesucht hat, in einem Vorwort oder einer Danksagung erwähnt wurde; sei es, dass zufällig ein Jahr vor meiner Suche eine wissenschaftliche Reihe Teil des Google-Books-Projektes und somit öffentlich durchsuchbar geworden ist. Die Möglichkeiten, schnell die richtigen Informationen auf Grundlage von Inhalten des Buches und weniger auf Grundlage einer personenspezifischen Empfehlung zu erhalten, nehmen  zu.

Leser-Akquise via Suchfunktion

Für Autoren bedeutet das, dass Register nicht nur eine wichtige Funktion für den bereits akquirierten, kundigen Leser besitzen; sie werden Teil der Leser-Akquise. Viele Leser werden sich in Zukunft vielmehr auf der Grundlage algorithmischer Empfehlungen, Schlagwörter, Kategorien oder Tags für ihre zukünftige Lektüre entscheiden. Sicherlich werden personenbezogene Empfehlungen wie Feuilletons und auch Social Media eine Rolle im Gefüge dieses Literaturbetriebes beibehalten. Sie wird sich aber aufgrund der technischen Veränderung maßgeblich verändern.

Auch wird es Autoren geben, die versuchen werden, das System auszutricksen. Genauso wie bei Website-Betreibern gilt es, auf lange Sicht Regeln zu definieren und in Algorithmen zu kodifizieren, die dieses Verhalten maßregeln. Bis dahin muss man damit rechnen, dass Projekte wie Google Talk to Books die Sprache der Autoren beeinflussen werden.

Betrachtet man Googles Anwendungsbeispiele, sieht man, dass häufig entweder direkt im Buch auf eine Frage geantwortet wird oder aber ein Wenn-Dann-Satz als indirekte Antwort einbezogen wird.

Auch wenn das für den Leser bzw. Endnutzer toll ist, sehe ich in nicht allzu ferner Zukunft schon die Autoren, die für bessere Rankings Wenn-Dann-Sätze oder fettgedruckte Fragen in ihre Sachbücher einarbeiten.

Ich gehe nicht davon aus, dass das unseren Literaturbetrieb langfristig sonderlich schädigen wird. Man muss davon ausgehen, dass wir dergleichen in Zukunft als Merkmal guter oder besonders schlecht geschriebener Ratgeberliteratur erkennen werden.

Auch hier gilt: Die Zukunft wird es zeigen.

Verändert also künstliche Intelligenz das Autorenleben?

Fürs erste würde ich davon ausgehen, dass diese Veränderung bereits im Gang ist. Indie-Autoren, Blogger und Wikipedia haben ihren Teil dazu beigetragen, dass der Begriff der Autorschaft sich in einem kurzen Zeitraum massiv verändert hat.

Trotzdem würde ich nicht davon ausgehen, dass Projekte wie Google Talk to Books, deren Anliegen zunächst darin zu bestehen scheint, natürliche Sprachmuster besser zu verstehen, das Autorenleben maßgeblich verändern werden.

Autor = Unternehmer, Sprecher, Lektor?

Langfristig muss sich noch zeigen, welche Rollen ein Autor tatsächlich bedienen muss. Amazons Echo liest schon jetzt Nachrichten genauso vor wie Buchpassagen, und das nicht erst, wenn professionelle Sprecher sie vorher in einem Tonstudio eingesprochen haben.

Und so, wie Alexa den Job des Sprechers verändern, aber nicht beseitigen wird, so werden Projekte wie Google Talk to Books den Buchautor als solchen nicht überflüssig machen. Der Beitrag der künstlichen Intelligenz wird lediglich verändern, welche Verantwortung der Autor selbst zu tragen hat und wann er sich entscheidet, diese abzugeben.

Für manche Autoren mag das eine Kostenfrage sein: Für Indie-Autoren beispielsweise kann die Erstellung einer Hörbuch-Version durch künstliche Intelligenz eine günstige Option darstellen. Dadurch werden Sprecher nicht arbeitslos oder überflüssig. Der Leser (oder in dem Fall Zuhörer) muss sich aber darauf einstellen, dass er innerhalb des Mediums Hörbuch in Zukunft mit anderen Inhalten zu rechnen hat.

Wie werden wir uns durch Googles Produkt verändern?

Genauso ist es mit Google Talk to Books: Google wird uns nicht das Lesen abnehmen und der Landesverband der Bibliotheken ist nicht dem Untergang geweiht. Es wird weiter Bücher geben und deren Leser werden weiterhin überfliegen oder auch gründlich lesen.
Was sich ändern wird, ist sicherlich die Erwartungshaltung an Autor und Buch; sei dies auch nur marginal der Fall.

Vielleicht wird sich nur die Definition einiger Begriffe wie “Sachliteratur” oder “Fachbuch” verändern.

Vielleicht werden sich Kinder, die sich sonst nicht für das Lesen hätten begeistern können, durch die technische Aufarbeitung zur Lektüre des einen oder anderen Textes hinreißen lassen.

Vielleicht wird es Romanciers und Sachbuchautoren geben, die in Zukunft eine gründliche Stichwort-Analyse genauso in ihre Recherchen einbeziehen werden wie eine Gliederung.

Vielleicht wird Googles Definition natürlicher Sprache so seltsam sein, dass sich unsere Sprachmuster innerhalb geschriebener Texte verändern, um innerhalb einer Suchmaschine besser dazustehen. An dieser Stelle musste ich mal die deutsche Techno-Panik bedienen.

Vielleicht werden wir Bücher nicht mehr als Privatvergnügen und passiven Teil unseres Alltags und unserer persönlichen Bildung und Freizeit empfinden, sondern als Medium, das neben Filmen, Musik und Podcasts wieder in der Lage ist, um unsere Aufmerksamkeit zu konkurrieren, sei es auch gestützt durch künstliche Intelligenz.

Bevor die Kommentarfelder explodieren…

Und bevor die passionierten Vielleser sich bei mir beschweren: Ich lese selbst leidenschaftlich gerne und viel, weiß aber auch, dass dies heutzutage lange nicht mehr der Regelfall ist.

Für die Menschen, die heutzutage darüber klagen würden, dass sie für einen empfohlenen Roman “einfach nicht die Zeit haben”, empfinde ich persönlich Projekte wie Google Talk to Books als Bereicherung. Allerdings sind wir von diesem Punkt noch weit entfernt.

Google sagt selbst, dass alle Projekte, die der Semantic Experience angehören, noch in ihren Kinderschuhen stecken und teils fehlerbehaftete Ergebnisse liefern können. Ich glaube, dass sich Journalisten, Buchautoren, Blogger, Vielleser und alle, die am Literaturbetrieb und am Lesen interessiert sind, an einer Diskussion beteiligen sollten.

Diese Diskussion sollte nicht nur den Betreibern von Suchmaschinen helfen, ihre Produkte zu verbessern und mehr über uns als Leser oder Konsumenten zu erfahren.

Sie sollte helfen, uns unser Leben zu erleichtern. Sei es dadurch, dass überflüssige Produkte eingestellt werden; sei es dadurch, dass uns alltägliche Probleme abgenommen oder erleichtert werden, dass neue Produkte entwickelt werden.

Bei allem, was man Google vorwerfen kann, hat der Such-Gigant das Potenzial, zu einer solchen Diskussion in vielerlei Hinsicht beizutragen. Google Talk to Books ist hierbei nur der Anfang.

Wenn aber die fachkundigen Autoren sich mit einer abwinkenden Handgeste nur abwenden, sollten sie bedenken, dass Google weiterhin solcherlei Produkte entwickeln wird, nur in diesem Fall ohne den Input derjenigen, die letztlich mit besagten Produkten leben oder arbeiten müssen.

Lass uns diskutieren

Es liegt also nicht zuletzt in unserer Hand. Google Talk to Books ist bislang eine Idee, die zeigen soll, wozu künstliche Intelligenz in Zukunft in der Lage sein wird. Proof of concept, mehr nicht. Ohne einen gesunden Austausch darüber, was wir auch in Zukunft von Autoren und ihren Büchern, von Verlagen sowie von Suchmaschinen erwarten, kann diese Entwicklung nicht vonstatten gehen. Wer sich zu Beginn nicht beteiligt, darf sich später auch nicht beklagen.

Ich persönlich bin gespannt, wie sich die Semantic Experience mit all ihren Unterkategorien weiterentwickeln wird. ich wäre mindestens genauso neugierig auf die Meinungen anderer, die auf die eine oder andere Weise im Literaturbetrieb tätig sind oder mit Suchmaschinen zu tun haben.

Lass uns eine Debatte beginnen. Was würdest Du Dir von Projekten wie Google Talk to Books erhoffen? Bist Du selbst Autor und damit indirekt betroffen? Wie stehst Du dazu? Würdest Du Google in seinen Möglichkeiten lieber eingeschränkt oder sogar abgeschafft sehen? Oder bist Du einer derjenigen, die tagtäglich über die Bücher-Suche neue Zitate finden? Ich bin gespannt, wie ihr alle zu dieser neuen technischen Entwicklung an der Schnittstelle zur Literatur steht.

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