Kürzlich besuchte mich meine langjährige Freundin, die Torheit. Sie wirkte aufgeregt und befragte mich nach meinen Kenntnissen des von Erasmus auf sie verfassten Lobes. Töricht wie ich war und bin, musste ich verneinen: „Erasmus von Rotterdam? Nie gelesen.“

Echauffiert, halb mitleidig, belehrte sie mich notdürftig – die Lehre ist schließlich nicht ihr Metier – über besagte Lobrede, die jüngst ein gewisser Narr mit Namen Jochen Malmsheimer wohl gänzlich nach ihrem Geschmack dargeboten hatte.

Erasmus, so berichtete meine teure Torin, habe zwar damals zunächst pflichtbewusst ihre Worte notiert und so ihre Rolle in der Welt adäquat erfasst; jedoch habe er sich – Tor, der er war – nach ihrem Treffen herausgenommen, allerlei prunkvolles Wortgehabe einzuwirken und die Sätze aufzuplustern, wie es die Eigenart der Schreiberlinge sei.

Mit welcher Kürze und Präzision hatte sie damals die Selbstliebe ihrer Toren beschrieben? Schon, weil ihr der Sinn für lange Sätze abging. Und was hatte nun dieser Erasmus daraus gemacht?

Eine endlos lange Liste von Rednern, Musikern, Gauklern und Poeten hatte er angeführt und sogar Maler und Ärzte nicht unerwähnt gelassen. Schon früh offenbarte dieser Erasmus – hierin musste ich ihr Recht geben – einen Hang zum Wortschwall und dabei doch auch zum subtilen Eigenlob.

Wie kurz und knackig hatte sie den Pragmatismus ihrer idiotischen Anhänger gelobt? Auch hier konnte es Erasmus, das Beispiel der Selbstverliebtheit offenbar ignorierend, nicht lassen, einen langatmigen Passus zu formulieren, der nun auch noch den Weisen erwähnte!

Was, wenn nicht Selbstverherrlichung, Größenwahn und Eigenliebe sollte man an dieser Stelle ablesen? Und so sehr sie sich über einen lautstarken Anhänger freute, so sehr ärgerte sich meine närrische Freundin über das sogenannte Denkmal, das dieser ‚Gelehrte‘ ihr gesetzt hatte.

„Es war ganz offensichtlich, dass dieser Herr von und zu Rotterdam sich selbst, den ‚Weisen‘, im Text wiederfinden wollte. An den Ärzten fand er offenbar keinen Gefallen, sodass meine Aussage über diese Schmeichler größtenteils unverändert blieb.“

Mit den Jägern und dem albernen Gehabe des Ausweidens und Wildzerlegens verhalte es sich wieder anders:

„Ich kann mich nicht erinnern, mit ihm über Jäger gesprochen zu haben, jedoch muss ich zugeben, dass sein Urteil über das Zerlegen des Wildes meinen Geschmack getroffen und ein leises Schmunzeln hervorgerufen hat.“, so die Torheit.

Bei der Erinnerung an ihren Bericht über diejenigen, die ihr eigenes Begräbnis wie ein Schauspiel inszenierten, brach sie schließlich in lautes Gelächter aus:

„Dieser Malmsheimer hat zweifelsohne verstanden, was am Verhalten jener eitlen Gimpel zum Himmel schreit, auch wenn ich mich erinnere, jene Worte über die verfügte Anzahl der Fackelträger und zu bestellenden Trauermimen einem skeptisch dreinblickenden Erasmus diktiert zu haben. Womöglich hoffte er selbst auf ein prunkvolles Begräbnis und wollte sich seine eigene Torheit vor mir nicht eingestehen.“ 

Der aufmerksame Leser aber, so die törichten Worte meiner Freundin, werde spätestens bei der Beschreibung der Gelehrten bemerken, wie sehr dieser Erasmus sich selbst verspottete, und das ohne es zu bemerken:

„Ganz offensichtlich erkannte er nicht die unfreiwillige Komik darin, dass einer ‚bubsequa‘ statt ‚Rinderhirt‘ schrieb, oder ‚bovinator‘ statt ‚Radaubruder‘. Ein Sinn für den Witz, den ich unterschwellig in diese triste Welt brachte, ging ihm völlig ab. Kurz, ich hatte ganz vergessen, wie ignorant mich dieser Holländer beschrieben hat. Und dann besitzt er die Frechheit, es ein Lob zu nennen!“ 

Dieser Malmsheimer aber habe es verstanden, oder vielmehr verstanden, dass der Tor eben nicht zu verstehen hat. Wie er pausierte und betonte…

„Er hat Erasmus endlich die Narrenkappe aufgesetzt!“ Und wenn auch seine Lesart für einen Toren zu gekonnt gewirkt habe, erfreute sich meine Freundin, die Torheit, nun eines Lobes, das dem Namen gerecht wurde. Und sie bat mich, ihre Freude töricht beschreibend zu verunstalten.

Also: Bitte sehr!

Und wen dieser Dialog mit meiner Freundin nicht überzeugt hat, hier die Botschaft in törichten Worten: Amüsiere Dich lesend oder Jochen Malmsheimer lauschend über das Lob der Torheit des Erasmus von Rotterdam! Es ist es wert.

Titelbild (unverändert) „READING the words“ von wonder-ing unter der Lizenz Attribution-ShareAlike 2.0 (CC BY-SA 2.0)

Diesen Blogpost habe ich im Rahmen des „Analogen Aprils“ zuerst mit dem Füller geschrieben. Wie man sieht, war es diesmal recht chaotisch. Für einen Monat möchte ich mehr darüber erfahren, wie die Art zu schreiben meine Texte und Arbeitsweise beeinflusst. Mehr dazu findest Du im ersten Beitrag zum „Analogen April“. Habe ich Dein Interesse geweckt? Willst Du mitmachen?

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